Auf Formosa
Ethnographische Wanderungen von Paul Ibis
I.
Geographischer
Ueberblick der Insel: Lage- Geologischer Bau.- Erdbeben- Küsten und Buchten-
Flüsse.- Klima.-Flora und Fauna.- Die Erzeugnisse der Insel.- Ihre Bevölkerung.
Im
Anfange des Jahres 1875 lag S.K. Russischen Majestät Corvette
"Ustold", längere Zeit in Hong-kong vor Anker, und da der Dienst auf
dem Schiffe meine Persönlichkeit leicht entbehren konnte, so benutzte ich die
Monate Januar und Februar zu einer Reise durch die Insel Formosa, für welche,
oder vielmehr für deren Eingeborenen mir die Japanische Expedition ein
bedeutendes Interesse eingeflößt hatte.
Zweck dieser Reise war: erstens, wo möglich besser mit diesem so arg
verschrienen Volke und seinem Zustande bekannt zu werden und seine
Nationalität, über die ich oft Zweifel erheben gehört, festzustellen , und
zweitens die Lösung der Frage, ob im Innern Formosas eine dunkle Race, ein
Papua-Stamm existiert, wie Fr. Müller in seiner Ethnographie (Novara- Reise)
angegeben, oder nicht.
Der
Zeitraum, in welchem meine Reise fiel, konnte kein günstigerer sein: die
Japanesen hatten soeben Formosa geräumt; auf der Insel herrschte daher volle
Ruhe, und die chinesische Regierung, welche vertragsmäßig die
Verantwortlichkeit für das Treiben der Eingeborenen übernommen, baute,
wenigstens in der ersten Zeit fest auf eine längere Dauer derselben, und das
mit Recht; denn ihre friedlichen Unterhandlungen mit den Häuptlingen
verschiedener Stämme versprachen den besten Erfolg. Seitens der Eingeborenen selbst war keine
Gefahr zu befürchten; im Süden litten sie noch zu sehr unter den Eindruck der
Schrecken, die die japanischen Waffen über sie verhängt, um neue Frevel an
Fremden zu begehen; in den anderen Theilen der Insel aber erfreuen sie sich
eines etwas bessern Rufes, als ihre Stammverwandten im Süden. Ferner sind Januar und Februar gerade die
schönsten Monate auf Formosa- trocken und nicht heiß - so daß manche
natürlichen Hindernisse, wie schlüpfrige Pfade, übergetretene Ströme und
Fieberanfälle, ganz aus der Zahl der zu überstehende Schwierigkeiten wegfielen.
Mit
Tasterzirkel, Meterstab und Notizbüchern versehen und so wenig als irgend
möglich Gepäck mit mir führend, durchschritt ich die Insel von Süd nach
Nord. So oft es Umstände und Zeit
zuließen, machte ich Abstecher zur Seite, um die Eingeborene in ihren
Territorien aufzusuchen, von denen ich meist freundlich empfangen wurde. Aus dieser Weise kam ich mit dreizehn Stämmen
in Berührung, maß sie, zeichnete sie, beobachtete ihre Sitten und Gebräuche und
sammelte Wörter aus ihren sprachen, kurz ich hatte die Genugthuung, meinen
Zweck zu erreichen.
Doch
ehe ich an den eigentlichen Gegenstand dieser Arbeit "die Eingeborenen
Formosas", herantrete, will ich einen Blick auf die Insel selbst und ihren
Chinesischen Theil werfen, um desto klarer dann ihre Ethnographie behandeln zu
können.
Formosa
erstreckt sich von 21° 55' bis zu 25°18.5' nördl. Br. und von 120° 8' bis 122°
östl. L. v. Gr. Es mißt über 200
Seemeilen in der Länge und 75 Meilen an der breitesten Stelle und nimmt einen
Flächenraum von etwa 1060 georaph. Quadratmeilen ein. Obgleich nur 80 bis 100 Seemeilen vom
Festlande entfernt, unterscheidet es sich doch wesentlich von demselben, sowohl
dem geologischen Baue nach, wie in seiner Fauna und Flora; viel eher läßt es
sich den Philippinen anreihen. Denn wie
diese, so ist auch die Insel Formosa rein vulkanischen Ursprungs. Ihren eigentlichen Kern bildet eine scharfe
Gebirgskette mit Gipfeln von 11,000 bis 12,000 Fuß Höhe, die sich bei einer
Kammhöhe von etwa 8000 Fuß in nordnordöstlicher Richtung durch 115 Meilen
hinzieht (22°34' bis 24°25' nördl. Br. und von 120°4' bis 121°15' östl. L.),
eine strenge Wasserscheide bildend, dann nach Süden zu schnell an Höhe abnimmt,
im Norden aber eine ebenso hohe, nur 15 Meilen lange Querkette(Dodds-range)
stößt und in einem verworrenen Gebirgsknoten endigt. Diese Hauptkette besteht aus Schiefer, dessen
Schichten steil nach Osten abfallen.
Ihr
Parallel laufen westlich einige verhältnißmäßig niedrige Ketten aus
sedimentären Schieferarten, mit einem weit geringeren Schichtenfall; diese
nehmen die eigentliche Mitte der Insel ein.
Dann folgen Terassen aus Lehm und Sandschichten mit einer kaum
merklichen Neigung nach Osten, und endlich die Ebene, welche fast den dritten
Theil der Insel, ihre Westseite, einnimmt; nur langsam sich zur See hinneigend,
bildet sie eine seichte, bloß an wenigen Stellen zugängliche Küste.
Beachtenswerth
und erklärend für die Bildung der Westseite Formosas sind jene mächtigen
Korallenblöcke, die sich an der Südwestseite vorfinden, nicht allein
unmittelbar am Meere, sondern auch in einiger Entfernung von demselben. Die Größten von ihnen sind: der Ape Hill bei
Ta-kao, eine atollähnliche Korallenmasse von 1110 Fuß Höhe, dann der Saddle
Hill zwischen Ta-kao und Tang-kang, der 468 Fuß erreicht, und einige Berge bei
Long-kiau an der Südspitze die auch nicht viel niedriger sein mögen. Kleinere Blöcke oder einige Fuß über das
Wasser erhobene Korallenriffe sieht man viel.
Oestlich von der Hauptkette scheint das Land
durchaus rauh und gebirgig zu sein, und allem Anscheine nach laufen auch dort
die Bergketten parallel der Wasserscheide.
Das Ufer erhebt sich meist direkt aus dem Meere bis zu einigen tausend Fuß
Höhe. Der Norden der Insel ist mit wenigen
Ausnahmen auch bergig. Die Ketten liegen
hier Parallel dem Dobbs-Range und nehmen nach Norden zu an Höhe ab. An der Küste bestehen sie aus Sandstein,
dessen Schichten nach Süden fallen. Bei
Kelong enthalten sie Kohlen. Zwischen
Tamsui und Kelong, also im äußersten Norden sind einige Vulkane, die Tatun Gruppe genannt, deren Höchster Punkt gegen
4000 Fuß über dem Meere liegt. Aus der
dortigen Solfataren wird in letzter zeit mit Erfolg Schwefel gewonnen. Andere Vulkane soll es auf der Insel nicht
geben. Einige Petroleumquellen im Dodds
Range sind hier noch zu erwähnen
.
Das
Südende der Insel, d.i. jener zu einer halbinselförmigen Spitze zusammen
laufende Theil derselben südlich von 22¼° nördl. Br., ist zwar kein hohes aber
ein rauhes und zerrissenes Bergland, das meist unmittelbar aus dem Meere
emporsteigt. Die kurzen Bergketten
bestehen an Strande aus Sandstein, im Inneren aus Schiefer, und die Schichten
fallen überall steil nach Osten.
Kohlenlager habe ich nirgends bemerkt.
Am westlichen Ufer erkennt man stellenweise einige terrassenartig über
einander liegende Strandlinien, von denen die Obersten schon mit Gras und
Gestrüpp bedeckt sind. Es läßt sich
daher schließen daß dieses Ufer noch jetzt im Stiegen begriffen ist, was man
auch nördlicher bei Tai-wan-fu bemerkt hat; Zelandia nämlich, daß zur Zeit
seiner Erbauung durch die Holländer, also vor 200 Jahren, hart am Meere stand,
liegt jetzt eine halbe Meile landeinwärts, und der Frühere Hafen von Tai-wan-fu
existiert nicht mehr.
Erdbeben
sind auf Formosa häufig, doch selten stark genug um irgend welchen Schaden
anzurichten. Die zwei Erdbeben, die ich
während meines Aufenthalts auf der Insel verspürte, äußerten sich in einigen
leichten, schnell an einander folgenden Stößen, ohne von einem unterirdischen
Getöse begleitet zu sein.
Die Küsten Formosas sind arm an
Buchten. An der Westseite hat nur Ta-Kao
(22°37' Nörd. Br.) einen guten, leider
aber zu kleinen Hafen. Derselbe wird
durch ein langes über das Wasser erhobenes Korallenriff gebildet, daß sich
parallel der Küste hinzieht, und früher wahrscheinlich mit dem Ape Hill
zusammenhing, jetzt aber von diesem durch eine 11 Fuß Tiefe, und gegen 300 Fuß
breite Durchfahrt getrennt ist. Daß
solcher weise von der See abgeschnittene Becken mißt gegen sechs Meilen in der
Länge, und gegen eine Meile in der Breite, hat aber nur in seinem nördlichen
Theil, wo es einen kleinen Fluß aufnimmt, Wasser genug für Schiffe. Durch den Ape Hill und das ziemlich hohe Riff
gegen die herrschenden Winde geschützt, ist Ta-Kao zu jeder Jahreszeit ein
sicherer Ankerplatz.[1] Die Rhede von Tai-wan-fu ist vollkommen offen und unsicher; die Schiffe
ankern da weit vom Ufer und die Landung kann nur auf Flößen bewerkstelligt
werden weil der Strand selbst für Bote zu seicht ist. An der Ostküste der Insel sind zwei kleine
Buchten, welche nach Aussage einiger Mandarinen sich leicht und ohne bedeutende
Kosten in gute Häfen umwandeln ließen.
Es sind: Sau-o-ban (24° 25.5' Nördl Br.) und Tschok-e-dan (24°7' nördl
Br.). Im Norden der Insel ist die tief
in die Berge eingeschnittene und gegen alle Winde gedeckte Bucht von Kelong
(25°9' nördl. Br.) ein in jeder Hinsicht vortrefflicher Ankerplatz für Schiffe
von mittlerer Tiefe; doch hat sie bis jetzt wenig Bedeutung für den Handel, da das
dortige Kohlenbergwerk in einer zu primitiven Weise betrieben wird, um viel für
den Export bieten zu können; für die Ausfuhr der übrigen Producte des Nordens
aber, wie Thee, Kampfer und Indigo, liegt Tamsui weit bequemer. Dieser Hafen, oder besser die Mündung des
Tamsui-Flusses giebt der Bucht von Kelong in nichts nach, nur liegt an der
Einfahrt eine Barre, welche bei der Ebbe nicht mehr als 7 Fuß Wasser hat (bei
der Fluth indeß bis 21 Fuß). Im Südwesten der Insel eignet sich die Bucht von
Long-Kiau (22° 7' nördl Br.) während des Nordost- Monsuns als Ankerplatz.
Von
Flüssen sind nur zwei für die Insel von Bedeutung: der Tamsui-Fluß im Norden
und der Tang-kang Fluß im Südwesten. Der
Erste der sich in der Breite von 25° 11' ins Meer ergießt, besteht aus zwei
Armen- dem Toka-ham und Sam-quai, die sich etwa 10 Meilen vor der Mündung
vereinigten und dann noch die Wasser des Kelong Flusses annehmen. Beide Arme sind 30 bis 40 Meilen in ihrem
Laufe für Boote schiffbar, daher wichtig für den Handel, besonders für den
Kampferhandel, dessen Hauptquelle in den Bergen liegt, aus denen sie ihren
Ursprung nehmen. Der Tang-kang Fluß
entspringt aus dem Gebirge Mittel Formosas und zwar auch in zwei Armen, welche,
durch eine Bergkette getrennt, parallel nach Süden der Ebene zufließen. Unter
23° nördl Br, wo ich beide Arme im mittlern Laufe durchschritt, waren sie schon
bedeutende Ströme und trotz der trockenen Jahreszeit für Boote befahrbar; ihre
Quellen muß man daher wenigstens 30 bis 40 Meilen nördlicher suchen. In der Ebene vereinigen sie sich und noch
einige Nebenflüsse aufnehmend, bilden sie einen breiten, leider aber seichten
Strom, der sich bei der Stadt Tang-kang (22° 28' nördl Br.) in die See
ergießt. Während der Regenzeit tritt der
Tang-kang Fluß aus seinen Ufern und überschwemmt in der Ebene einen Streifen
Land von 4 bis 5 Meilen Breite, der durch die alljährlich hinterlassenen
Sandmassen in eine Wüste verwandelt ist.
Da diese Sandmassen zugleich das Flußbett verstopfen, so dehnt sich der
Fluß mit seinen Ueberschwemmungen immer mehr und mehr in die Breite aus,
wodurch in Tang-Kang, daß hart am linken Ufer liegt, in jedem Jahr eine
Häuserreihe weggespült wird. Die übrigen
Flüsse der Insel sind bedeutungslos für den Handel; es sind meist Bergströme,
die im Winter fast austrocknen, während der Regenzeit aber schnell und hoch
anschwellen und jeden Verkehr hemmen.
Das
Klima Formosas ist bis zu 24° nördl Br. tropisch. Es giebt hier nur zwei
Jahreszeiten, eine nasse und eine trockene.
Die erste beginnt im Mai mit dem Südwest- Monsun und endigt im September
mit Eintritt des Nordost Monsuns. Sie
bringt bei starker Hitze ungeheure Regenmassen, die sich in periodischen Güssen
jeden Nachmittag entladen. Im Juli ist der Regen im Maximum seiner Mächtigkeit,
worauf er an Stärke allmählich nachläßt.
Vom September bis April währt die trockene Jahreszeit; es fällt dann
buchstäblich kein Tropfen Regen, selbst keine Wolke trübt den Himmel, und die
Hitze ist, bis März wenigstens, eine sehr erträgliche. Nördlich von 24° nördl. Br. hört diese
Regelmäßigkeit auf. Dort bringt im Gegentheil der Winter viel Regen, während
der Sommer verhältnismäßig trocken genannt werden kann. Man hat mir gesagt das
es in Tamsui während der Wintermonate oft wochenlang ohne Unterbrechung regne
und die Sonne Monate hindurch nicht zu sehen sei, was durchaus nicht
unwahrscheinlich klingt, wenn man bedenkt das es eben Nord-Formosa ist, welches
während der Dauer des Nordost-Monsuns seine dichten Nebel über die ganze
Formosa Straße ausdehnt.
In
Folge dieser reichen Niederschläge ist die Vegetation auf Formosa eine sehr
üppige; die gebirgigen Theile der Insel sind im Süden mit undurchdringlichem Dschungel bedeckt,
einem phantastisch von Lianen durchwobenen Wirrwarr der mannigfachsten
Baumarten, riesiger Farren und Farrenbäume.
Im Norden dehnen sich mächtige Kampferwälder aus, die kaum irgendwo
ihres gleichen haben. Die ebene ist
einer der Fruchtbarsten und cultiviertesten Landstriche, die ich je gesehen:
Weizen, Mais Reis und Zucker geben hier reiche Ernten; Ananas, Bananen, Ingwer,
Mango Orangen, und Citronen, kurz die meisten tropische und subtropischen
Früchte gedeihen vortrefflich; der Bambus schießt zu einer Höhe von 80 bis 90
Fuß empor und die zierliche Arecapalme wächst hier nicht minder üppig als auf
den Sund-Inseln; die Kokospalme fehlt aber.
Auch
die Fauna Formosas scheint reich zu sein und soll einige selbständige Arten
haben, z.B. einen formosanischen Hirsch, ein Schuppenthier und einen
Fasan. Schlangen und giftige Insekten
sind schwach vertreten. Letztere erscheinen nur während der Regenzeit. Fledermäuse und fliegende Hunde scheint es in
vielen Arten zu geben. An Fischen ist
besonders die Westküste reich. Eingeführt sind aus China: der Büffel, wie es
scheint auch das Schwein und der Hund. Das
Pferd fehlt ganz.
Die
Producte welche Formosa dem Handel liefert, sind bis jetzt Zucker, Thee, Reis,
Früchte und Gemüse, Indigo, Kampfer, Oel, Hanf, Thierhäute und Hörner, Fisch,
Sesam, Gelbwurz, Seegras und Agar-Agar, verschiedene Holzarten (besonders
harte-hard wood) und Steinkohlen. Die
Ausfuhr beläuft sich auf 2,000,000 Tael, die Einfuhr auf etwa 1,750,000 Tael (2
Tael=6 2/3 Thaler); beides ist im Steigen begriffen[2]
Formosa
ist von zwei verschiedenen Menschenracen bevölkert: von Chinesen und Malanen. Die ersten, die bei Weitem zahlreicheren,
sind Einwanderer (meist aus der Gegenüberliegenden Provinz Fu-kiang). Sie nehmen die Ebene, Westseite der Insel und
ihren Norden ein. Die letzeren, etwa
150,000 bis 200,000 Köpfe, sind die bei Weitem älteren Bewohner der Insel und
können daher als Eingeborene betrachtet werden.
Sie leben in kleinen unabhängigen Stämmen in den gebirgigen Theilen der
Insel, behaupten also deren Ostseite und Südspitze. Zwischen diesen freien Eingeborenen, von den
Chinesen "Ka-té" (Die Wilden) genannt, und den Chinesen leben einige
halbcivilisirte Stämme, die mehr oder minder von der chinesischen Regierung
abhängig geworden sind.
Eine
Papua Race, oder eine ihr nahe stehende existiert nicht im Innern Formosas;
weder die Chinesen noch die Eingeborenen selbst wissen etwas von ihr. Wahrscheinlich hat man die häßlichen und
dunkler als andere Stämme gefärbten Bewohner der Südspitze für diese
angesehen. Möglich aber, das die Malanen
bei der Besitznahme der Insel ein anderes, dunkles Volk hier vorfanden, theils
es in Kriegen ausrotteten, theils sich auch mit ihm vermischte, wodurch die
zahllosen Stämme und fast ebenso viele Stammtypen entstehen konnten, die sich
besonders in der hellern oder dunklern Hautfarbe von einander unterscheiden.
Auf
Formosa
Ethnographische
Wanderungen von Paul Ibis
II.
Die
Chinesischen Besitzungen auf Formosa: Die Colonisation Formosas durch Chinesen
im 15. Jahrhundert.- Die Holländer auf Formosa.- Coxinga und die Eroberung von
Tai-wan-fu.- Eintheilung der chinesischen Besitzungen in fünf Präfecturen.- Die
Städte-Tai-wan-fu- Die Administration der Insel.- Die Chinesische Truppenmacht
auf Formosa- Der Anfang und Verlauf der Unruhen in Süd Formosa im Jahre
1875.-Die Stellung der chinesischen Regierung zu den Eingeborenen: Ihr
Verhältniß zu denselben vor und nach der japanischen
Expedition.-Unterhandlungen mit den Stammältesten.- Straßenbau durch das
Gebirge.- Die Christlichen Missionäre auf Formosa
Als
im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts[3]
die ersten Chinesen sich an der Westküste Formosas niederließen, fanden sie in
den eingeborenen ein gutes Volk vor, das ihnen gern Land überließ und mit ihnen
in einen regen Handelsverkehr trat. Doch
waren die freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Theilen von keiner
Dauer: der allzugroße Zufluß der Fremden, ihre Habsucht, und ihr anmaßendes
Wesen riefen bald Zwistigkeiten hervor, welche den Grund legten zu der
erbitterten Racenfeindschaft, die bis heute währt. In Folge dieser Zwistigkeiten, die nicht
selten in blutige Kämpfe ausarteten, zögerte die chinesische Regierung lange
die Insel als Colonie anzuerkennen; daher hatte sie auch wenig Bedenken,
Formosa den Holländern für die Räumung der Pescadores Inseln anzubieten, als
diese im Jahre 1622 die genannte Gruppe plötzlich besetzten und zu befestigen
anfingen. Die Holländer gingen auf diesen Tausch ein und landeten 1624 bei
Tai-wan-fu, wo sie sofort zum Bau des starken Fort Zelandia schritten. Nach
Verlauf von zehn Jahren hatten sie sich auch in Takao, Tamsui, und Kelong
befestigt, waren also die Herren der ganzen West und Nord Küste. Mit den Malanen standen sie auf besserm Fuße
als die Chinesen; sie führten unter ihnen die Gesetze des Mutterlandes ein,
gründeten Schulen, predigten ihnen das Christenthum, und um sie womöglich
fester an sich zu knüpfen, verheiratheten sie sich größtentheils mit
eingeborenen Frauen. Gegen die
chinesischen Einwanderer indeß, die in besonders großer Anzahl nach Formosa
strömten, beobachteten die Holländer eine feindselige Politik, aus Furcht von
ihnen verdrängt zu werden.
Während
der Verwirrungen der welche der Sturz der Ming-Dynastie und der Uebergang des
Thrones an die Manschu in China hervorrief, erklärten sich in entlegenen
Theilen des Reiches manche populäre Statthalter für unabhängig. Das that auch der Statthalter von Amon,
Tschin-tschin-kung oder Coxinga, ein muthiger energischer Mann, den man ich
weiß nicht aus welchem Grunde, den "Seeräuber Coxinga" nennt. In richtiger Erkenntniß, das er sich auf dem
Festlande nicht lange gegen die Manschu würde halten können, richtete er seine
Aufmerksamkeit auf Formosa, das ihm aus seinen Handelsbeziehungen zu den
Holländern gut genug bekannt war. Auch sagt man, daß seine Mutter eine
Formosanerin gewesen sei. Nachdem er sich im Geheimen des Beistanden der auf
Formosa ansässigen Chinesen versichert, landete er mit 25,000 Mann bei
Tai-wan-fu, blockierte den Hafen und belagerte die Stadt. Nach einer neunmonatlichen Belagerung,
während welcher die Holländer alle möglichen Entbehrungen zu erdulden hatten,
ergab sich die Stadt, und Coxinga erklärte sich zum König von Formosa
(1662). Nach seinem Tode, der bald
darauf erfolgte, behauptete die Insel noch einige Zeit ihre Unabhängigkeit, und
erst im Jahre 1683 trat sie freiwillig unter die Botmäßigkeit Chinas.
Seitdem ist Formosa oder
richtiger West und Nordformosa dem chinesischen Reiche einverleibt. Die Malanen sind mit geringer Ausnahme aus
der Ebene verschwunden- theils mögen sie ausgestorben sein, theils sich in die Berge
zurückgezogen haben, wo die chinesische Autorität nicht weit geht. Die Ebene
ernährt jetzt eine Bevölkerung, so dicht wie die der reichsten Provinzen
Chinas, und hat eine Bodencultur wie sie nicht sorgfältiger gedacht werden
kann; denn jeder Fleck ist bebaut.
Städte, die über 10,000 Einwohner haben, sind zahlreich, und blühende Dörfer mit mehr als
1000 Seelen liegen hart an einander.
Nimmt man für die chinesische Bevölkerung Formosa die Zahl von 3
Millionen an, so ist das meiner Ansicht nach nicht hoch gegriffen; chinesische
Angaben taxiren sie auf mehr also 10 Millionen, was jedoch stark übertrieben
ist.
Die chinesischen
Besitzungen auf Formosa sind in fünf Präfecturen eingetheilt. Es sind im Norden
Tamsui mit der Hauptstadt Töck-tscham (mit etwa 20,000 Einw.) , Eine reiche
Gegend, wo in letzter Zeit besonders der Theebau grossen Aufschwung nimmt. Zu
ihr zählt auch das unlängst von Chinesen colonierte Thal Kamolan-ting[4]
an der Ostküste, das sich nach Süden bis zur Sau-o-ban ausdehnt.
Dann folgen in der Ebene
Tschang-hwa-hien mit der Stadt Tschang-hwa (gegen 15,000 Einw.) Kagi-hien mit
Kagi (10,000 bis 15,000 Einw.) und Tai-wan-hien mit Tai-wan-fu, der Hauptstadt
der Insel (75,000 Einw.). Die letzte begreift in sich auch das Bergland
Mittelformosas, das Gebiet der Pepo-Hwan, eines civilisirten
Malanenstammes. In allen dreien ist der
Zuckerbau in Blühe.
Die südliche Präfectur
ist Fung-shan-hien mit der Hauptstadt Pitau (15,000 Einw.), der fruchtbarste
und wie es schien, am stärksten bevölkerte Theil der Insel; auch hier wird
neben Areca und Reis viel Zucker gebaut.
Zu Fung-shan-hien zählt jetzt auch Long-kiau an der Südspitze, eine
unruhige Gegend, welche vor der japanischen Expedition zwar von den Chinesen
bewohnt, nicht aber von der Regierung als ihre Besitzung anerkannt wurde. Der
mit den Japanern geschlossene Vertrag verpflichtete sie indeß, den Ort zu
befestigen, um die umwohnenden Stämme der Eingeborenen in Ruhe zu halten. Mit
der Besitznahme von Long-kiau (am 24. Dezember 1874) wurden zugleich einige
Fischerdörfer nördlicher am Strande befestigt, welche früher ebenfalls nicht
unter Controlle der Regierung standen.
Dadurch sollte eine sichere Landverbindung zwischen der Südspitze und der Ebene durch
das Territorium der Eingeborenen hergestellt werden. Ferner werden Tang-kang,
Takao und Tai-wan-fu befestigt um auch gegen Feinde von außen wie es im Jahre
1874 die Japanern waren, geschützt zu sein; nördlich von Tai-wan-fu ist das
überflüssig, da die ganze Küste zu seicht ist, um mit Schiffen auf Schußweite
heranzukommen.
Die genannten Städte
sind alle Fu, d.h. befestigt(mit einer Mauer von enormer Dicke umgeben). Außer
Tai-wan-fu, der Hauptstadt der Insel, verdient keine von ihnen näher
beschrieben zu werden; es sind gewöhnliche chinesische Städte mit kleinen leichten,
dem Klima angepaßten Häusern, mit engen nicht gerade reinlichen Straßen, deren
einen auf ein Haar den andern gleicht, und mit dem so oft beschriebenen bunten
betäubenden Leben in ihnen, das nur einen Fremdling interessiren kann, einen in
China bewanderten aber mächtig hinaus ins Freie oder in sein armseliges Logis
treibt. Die Gasthäuser in diesen Städten
sind zugleich Opiumhäuser- ekelerregende Höhlen.
In Tai-wan-fu kann man
sich schon einen Tag aufhalten, ohne von Langeweile belästigt zu werden, aber
auch nicht länger. Unter ihren wenigen Sehenswürdigkeiten steht in erster Linie
die Ruine des mächtigen Forts Zelandia[5] die zwei Meilen außserhalb der Stadt in der
Nachbarschaft des Hafenplatzes An-ping liegt.
Es ist ein Stück solider auf Jahrhunderte berechneter Arbeit, wie all
die holländischen Bauten auf Formosa (denn auch in Takau, Tamsui, und Kelong
haben sich einige holländische Gebäude in einem mehr oder minder guten Zustande
erhalten, wie z.B. das jetzige englische Consulat in Tamsui). Leider ließ die
chinesische Regierung im vorigen Jahre einen bedeutenden Theil von Zelandia
niederreißen, um aus dem äußerst festen Material zwei neue Forts zu erbauen,
was dem Gesammteindruck der Ruine großen
Einbruch thut. Mitten in der Stadt stehen ferner die Ueberreste einer
kleinen holländischen Burg, welche zu entfernen viel zu schwer und theuer ist, um je unternommen zu werden; die
praktischen Chinesen haben daher einige Gewölbe in ihr in Wohnungen, andere in
Schweineställe verwandelt. Die Tempel in
Tai-wan-fu sind kaum der Besichtigung werth; sie zeichnen sich weder durch
Reichthum noch in architektonischer Hinsicht
besonders aus uns sind recht unreinlich. Die meisten Tempel sind dem
Confucius geweiht, dessen Lehre die herrschende auf Formosa ist. Die Stadt selbst nimmt einen bedeutenden
Flächenraum ein; die Mauer , welch sie umgibt, mißt 4 Meilen im Umfange und hat
acht Thore, deren jedes einen hohen Wartthurm trägt. Die Straßen sind nur 8 bis 10 Fuß breit, geradlinig,
mit Ziegeln gepflastert und was das Seltenste in einer chinesischen Stadt, sie
werden rein gehalten. Größere Handelsstraßen sind oben mit Bretterschirmen
zugedeckt; in diese Schirme sind stellenweise Perlmutterscheiben eingesetzt, so
daß die Straßen am Tage hinreichend erleuchtet sind. Der Beleuchtung bei Nacht läßt nichts zu
wünschen übrig: unzählige Papierlaternen, die in und vor den Buden dicht neben
einander brennen, verbreiten ein sanftes dem Auge wohlthuendes Licht und geben
der Straße mit der in ihr wogenden Menschenmasse ein recht phantastisches
Aussehen. Um 8 Uhr Abends ist Torschluß,
und etwas später werden auch die einzelnen Straßen- größere sogar auf mehreren
Stellen- durch Bambuspforten gesperrt, eine Praktische Maßregel der Polizei, die
in allen größeren Städten Chinas existirt.
An die West und
Südwestseite der Stadtmauer lehnt sich eine große Vorstadt mit breiteren
Straßen und besseren Häusern als innerhalb der Mauer. Es ist das von den
reicheren Kaufleuten bewohnte Viertel, während in der Stadt selbst wesentlich
Kleinhändler und Handwerker leben. Unter
letzteren sind besonders viel Silberarbeiter, sie sich durch ihre solide und
billige Arbeit einen guten Ruf in ganz China erworben haben; doch können sie
sich nicht mit den Silberarbeitern von Kantons, was Geschmack, Reinheit und
Zierlichkeit in der Ausführung ihrer Leistungen anbelange, messen.
Da Tai-wan-fu 1 1/2
Meilen von der Küste entfernt liegt, so sind die Comptoirs der europäischen
Handelsfirmen und das Zollhaus in An-ping.
Die Europäer selbst haben ihre Wohnungen in der Stadt und Meist in
chinesischen Häusern. Ihre Gesellschaft
beschränkt sich bloß auf 8 bis 10 Seelen; in den drei anderen Hafenstädten sind
ihrer nicht viel mehr, so daß die Gesammtzahl der Europäer auf Formosa wenig
über 50 geht (Frauen Leben dort nur zwei).
Es sind zum größten Theil Kaufleute, Agenten reicher Käufer in Amon, die
den Handel der Insel fast ausschließlich in ihren Händen haben
Chinesische Angaben
schätzen die Einwohnerzahl von Tai-wan-fu auf 200,000, ich weiß nicht worauf
fußend, denn nie, so lange die Stadt steht, ist eine Zählung vorgenommen
worden. Nach der Ansicht des dortigen
britischen Consuls, übersteigt sie nicht 75,000 und das scheint mir viel
wahrscheinlicher.
Die Garnison der Stadt
besteht aus etwa 10,000 Mann Fußvolk; auf der ganzen Insel sind gegen
20,000. Was aber an diesen 20,000 Mann
ist und was von ihnen erwartet werden kann, ergiebt sich von selbst, wenn man
bedenkt, daß sie aus allen möglichen Tagedieben und Herumtreibern zusammengesetzt
sind, also moralisch auf einer Niedrigen Stufe stehen. Ein ordentlicher Chinese, der Arbeit finden
kann, wird nie Soldat und vermeidet womöglich allen Verkehr mit diesen
Gesellen, deren einzige Beschäftigung und einziger Zeitvertreib Opium und
Karten sind. Dazu ist der chinesische
Soldat hier wie in China selbst schlecht disciplinirt, traurig mit
Luntengewehren, Speeren und dergleichen vorsintfluthlichem Kram bewaffnet und,
was sich wiederholt erwiesen, unterliegt leicht den Entbehrungen und
Strapatzen, die ein Feldzug in die Berge gegen die Eingeborenen nothwendig mit
sich bringt. Doch steht zu hoffen, daß
die Reformen, die sich jetzt in der chinesischen Armee und Flotte- zwar langsam
aber gründlich- vollziehen, auch hier bald Eingang finden werden.
Die Administration der
Insel ist wie in ganz China: jede Präfectur steht unter einem Mandarin dritter
oder vierter Classe, dessen Posten bei großer Verantwortlichkeit mit einer
verhältnißmäßig geringen Selbständigkeit verbunden ist. Denn in jedem einigermaßen außerordentlichen
Falle hat er dem Gouverneur in Tai-wan-fu Bericht zu erstatten und dessen
Anweisungen abzuwarten, ehe er irgend welche Maßregeln ergreifen kann. Der Gouverneur der Insel, ein Mandarin
zweiter Classe, steht selbst in ähnlicher Abhängigkeit vom Generalgouverneur
der Provinz Fu-kiang, zu welcher Formosa gerechnet wird. Wie umständlich und zeitraubend eine solche
Wirtschaft ist, ist klar, und welche schlimme Folgen mitunter dieses Melden,
Anfragen und Abwarten haben kann, zeigt am besten folgender Fall, der uns zugleich
auf das Verhältniß der chinesischen Regierung zu den Eingeborenen überleitet:
Mitte Januar 1876, als
die Friedensunterhandlungen mit den Häuptlinge der Stämme von Süd Formosa
gerade die besten Erfolge versprachen, wurden auf dem wilden Wege nach Long-Kiau einige chinesische Soldaten von Eingeborenen
überfallen und ermordet. Der Commandant von Long-Kiau, der über 2000 Mann
befehligte, konnte nichts anderes thun als die Sache dem Präfecten von
Fung-shan-hien zu melden, der sie seinerseits dem Gouverneur der Insel
vorlegte. Von diesem ging sie weiter nach Fu-Tschau zum Generalgouverneur und
von da nach Peking. Die
Neujahrsgeschäfte und der darauf erfolgende Tod des Kaisers nahmen den Pekinger
Hof damals so sehr in Anspruch, daß die Entscheidung der Formosa- Frage als
eine unbedeutende auf ruhigere Zeiten verschoben ward. Unterdessen war ein
Monat verflossen. Die Eingeborenen,
welche wenig Kenntniß von der Wichtigkeit des chinesischen Neujahrs noch von
dem Tode des Kaisers haben mochten, erklärten sich dieses Zögern von
chinesischer Seite einzig und allein durch deren Feigheit. Daher sammelten sie in aller Stille ihre
Kräfte und überrumpelten in einer Nacht das Lager im Dorfe Hong-kong (22°11'
nördl. Br.), wo neunzig Chinesen, unter ihnen auch Mandarinen, das Leben
ließen. Wieder wurde rapportirt und
angefragt, bis endlich eine Antwort vom Hofe erfolgte; sie lautete: "die
Eingeborenen mit Waffen zu strafen." Dasselbe hätte der Commandant von
Long-kiau mit seinen 2000 Mann schon am Tage nach dem ersten Morde thun können,
und soweit ich ihn persönlich kennen und seinen gesunden, klaren verstand
achten gelernt, er hätte es mit besserm Erfolg ausgeführt als es jetzt der ganzen Truppenmacht Formosas gelang. Denn damals stand der strafbare Stamm noch
allein da; ein energischer Angriff hätte ihn auseinander gesprengt und die Ruhe
wäre hergestellt worden, da sich die meisten Stämme noch nicht von dem Schlage
erholt hatten, den ihnen die Japanern zugefügt.
Jetzt aber hoben sie allmälig die Köpfe.
Aus der Unthätigkeit der Chinesen, wie gesagt, ihre Schwäche und
Feigheit folgend, glaubten sie sich stark genug, um diese von der Küste zu
vertreiben, ihre Befestigungen zu zerstören, kurz ihre Unabhängigkeit für
kommende Zeiten währen zu können. Ein Stamm nach dem andern schloß sich daher
den Friedensstörern an, und anscheinend auf die Verträge mit den Chinesen
eingehend und die friedfertigsten Gesinnungen zur Schau tragend, rüsteten sie
sich eifrig zum Kampfe. Der Ueberfall von Hong-kong zeigte klar, wohin sie hinaus
wollten: es war die Herausforderung zum Kriege.
Als jetzt im März die chinesischen Truppen in die Berge drangen, wurden
sie zurückgeschlagen oder geschickt in
Schluchten gelockt, eingeschlossen und jämmerlich mitgenommen. Zudem nahete sich die heiße Jahreszeit und
unter den Soldaten brach das Fieber aus, das ebenso viel oder noch mehr Leben
raubte als die Kugeln und Pfeile der Feinde.
Die Truppen von Formosa erwiesen sich nicht hinreichend; eine Bestärkung
von 10,000 Mann mußte ihnen aus Fu-kiang zugesandt werden. Aber auch diese konnten die Sachlage nicht
wesentlich ändern, und wie ich zuletzt in Hong-kong (Februar1876) hörte, ist
noch jetzt die Ruhe in Süd-Formosa nicht hergestellt
Und ob sie bald
hergestellt werden wird ist eine schwer zu beantwortende Frage. Die Stämme von Süd Formosa sind die
kriegerischen und verwegensten von allen; sie sind fest entschlossen, ihre
Freiheit bis aufs Aeuserste zu vertheidigen zwar zählen sie alle zusammen nicht
über 2000 Mann, doch haben sie auf ihrer Seite die Vortheile des Landes, einer
rauhen, vollständigen wilden, nur an wenigen Stellen zugänglichen Gegend, wo
jeder Fluß, jeder Bergpfad und jede Schlucht an und für sich eine Festung
ist. Ferner lassen sie sich nie in einen
offenen Kampf ein, der für sie unvortheilhaft ausfallen könnte, sondern
ungesehen, ungeahnt folgen sie dem Feinde auf dem Fuße, bald ihn aus dem
Gebüsch beschießend, bald durch plötzliche Ueberfälle schwächend, oder in
Schlupfwinkel lockend, aus denen der Rückzug nur mit bedeutendem Verlust
möglich ist. Erwägt man also, das Energie, Kühnheit und natürliche Vortheile
auf der Seite der Angreifenden sind, so kommt man leicht zum Schlusse, daß im
Mittel zehn Chinesen gegen einen Eingeborenen nicht hinreichen werden, daß also
nur durch großen Kraftaufwand Süd- Formosa der chinesischen Regierung
unterworfen werden kann.
Wie es dem Erzählten zu
sehen, waren es die Eingeborenen selbst, welche den Krieg hervorriefen; im
Sinne der chinesischen Regierung lag er nie, weder hier im Süden noch in irgend
einem andern Theil der Insel. Vor der
Japanischen Expedition dachte sie überhaupt nicht viel daran ihre Autorität in
den Bergen zur Geltung zu bringen, am allerwenigsten durch Gewalt der Waffen. Weshalb sollte sie es auch? Die ganze Insel
gehörte nominell ihr; niemand hatte sie ihr bis dahin streitig machen wollen,
niemand sich darum bekümmert, welcher Art ihre Verhältnisse zu den Eingeborenen
waren, noch von ihr Rechenschaft verlangt für den Strandraub, der an der Süd
und Südostküste getrieben wurde. Die
japanische Expedition änderte indeß die Sachlage: die Erörterungen, welch sie
zur Folge hatte, machten es der chinesischen Regierung klar, wie unbegründet
ihre Ansprüche auf die ganze Insel waren und bleiben würden, wenn die
Eingeborenen ihre Autorität nicht anerkennen, und ferner wie nahe ihr unter
solchen Umständen die Gefahr lag eine andere Macht neben sich auf Formosa
dulden zu müssen. Für jetzt war sie dieser Gefahr zwar glücklich entgangen
durch den Vertrag von November 1874, nach welchem die Japaneden Long-kiau
aufgaben, die Chinesen aber die Verantwortlichkeit für die Handlungen der
Eingeborenen übernahmen aber auch einer
möglichen Wiederkehr derselben mußte vorgebeugt werden: die Eingeborenen mußten
daher unter chinesischen Einfluß gebracht werden, vor allem die an den Küsten
lebenden Stämme welche am leichtesten Anlaß zu Unannehmlichkeiten mit fremden
Mächten geben konnten. Das Project, nach welchem dieses erreicht werden sollte,
war ebenso human wie scharfsinnig in der Theorie es mußte sich danach alles auf
dem friedlichsten Wege und theilweise von selbst vollziehen. Den Häuptlingen (Taurangs) der verschiedenen
Stämme waren nähmlich derartige jährliche Geschenke in Aussicht zu stellen, die
es ihnen vortheilhaft machen würden, der Regierung in einigen Punkten Gehorsam
zu leisten, also in eine gelinde Abgängigkeit von ihr zu treten; mit deren
Zustimmung sollten dann einige von Chinesen bewohnte Dörfer an den Küsten
besetzt werden; endlich, und dies war der Schwerpunkt des Projects, sollten
durch das Gebirge und längs der Ostküste gute Straßen gebaut werden, welche
alle von Chinesen besetzte oder bewohnte Plätze mit einander und mit der Ebene
verbinden sollten, ein Werk wogegen die Eingeborenen nichts haben konnten. Die Unterhandlungen mit den Häuptlingen
wurden im Januar 1875 eröffnet. Im Süden, wie wir gesehen, scheiterten sie
leider; weiter im Norden aber scheinen sie wirklich einen guten verlauf zu
nehmen; denn während meines Aufenthalts auf der Insel war schon einen Straße
aus der Ebene zur Ostküste (unter 22.5° nördl. Br.) vollendet, und der Bau
einer andern längs der ganzen Ostküste schritt rüstig weiter, ohne daß von
Reibungen mit den Eingeborenen etwas zu hören war.[6]
Diese Straßen müssen mit
der Zeit einen gewaltigen Einfluß auf die eingeborenen ausüben. Denn wie alle Malanen sind die Formosaner
Handelslustig bis zur Leidenschaft; neben der erbittertsten Feindschaft besteht
zwischen ihnen und dem chinesischen Landvolk ein reger Handelsverkehr; sie legen
mühevolle Tagereisen zurück um in den nächstliegenden Dörfer in der Ebene die
Beute ihrer Jagd gegen Waffen, Pulver, Branntwein, Zeug und Kleinigkeiten
auszutauschen. Die dulden sogar ganze
Dörfer ihre Todtfeinde in ihrem Gebiet, wie im Süden und an der Ostküste, bloß
aus Rücksicht für den Handel. Jene Straßen müssen nun den Handel um vieles
beleben, die Eingeborenen öfter in die Ebene, unter civilisierte Menschen
bringen, wo sie, aufgeweckt und von der Natur begabt, wie sie sind, vieles
Nützliche sehen und sich aneignen können. Der öftere friedliche Umgang mit den
Chinesen würde ferner ihren Haß gegen diese allmälig Schwächen und die traurige
Racenfeindschaft aufheben, die für beiden Seiten von so großem Nachtheil
ist. Unternehmungslustige Chinesen würden
sich dann mit der Zeit an den Straßen oder unter den Malanen selbst
niederlassen, wie es im Süden schon stellenweise geschehen, die Cultur und
Industrie müßte ihnen folgen, die Jagd dem Ackerbau Platz machen bis
schließlich die Häuptlinge nichts dagegen hätten, statt Taurang Dorf- Mandarin
genannt zu werden. Und daß diese Folgerung nichts ins Bereich der Phantasien
gehört, beweisen die Set-hwan, ein starker Stamm, nordöstlich von Tschang-hwa,
der unlängst freiwillig unter chinesische Botmäßigkeit trat. Darauf speculiren denn auch die Mandarinen.
Nebenbei
bemerkt, habe ich irgendwo gelesen, das in Formosa für den Kopf eines Wilden
ein Preis von der Regierung ausgesetzt sei.
Ich habe mich vielfach nach der Wahrheit dieser Aussage erkundigt, aber
nirgends sie bestätigt gefunden. Neben den soeben auseinandergesetzten humanen
und friedfertigen Plänen der Regierung ist einen solche unsinnig grausame
Maßregel auch nicht denkbar; vor Zeiten mag sie es wohl gewesen sein, in
Zeiten, wo man an eine Unterwerfung der Malanen nicht dachte, sondern ihnen
bloß wie wilde Horden sah, welche durch Raub und Mord das Land unsicher
machten.
Schließlich
ein Wort über die Thätigkeit der Missionäre auf Formosa.
Seit 1865 arbeitet die
"Presbyterian Medical Missionary Society" unter Chinesen und civilisierten Malanen mit
einem unerschütterlichen Eifer, der sie leider oft in Unannehmlichkeiten mit
dem Volke selbst wie mit der Obrigkeit bringt.
Sie hat schon gegen zwanzig Stationen in der Mitte und im Süden der
Insel gegründet, welche von fünf Mitgliedern der Gesellschaft die selbst in
Tai-wan-fu und Ta-kao leben, beaufsichtigt werden. An diesen Stationen sind
Schulen eingerichtet, wo den Kindern der Gemeinde Unterricht ertheilt wird im
Worte Gottes, in der Geographie Geschichte und Arithmetik und im Lesen und Schreiben(Chinesisch)
mit lateinischen Buchstaben. Die
Missionäre haben nähmlich die Idee gefaßt, die äußerst schwierigen chinesischen
Schriftzeichen durch das lateinische Alphabet zu ersetzen. Alle ihre chinesischen Gesangs und
Gebetbücher sind aus diesem Grunde in lateinischer Schrift gedruckt. Unter den Malanen wenigstens gelingt es ihnen. Als Lehrer und Prediger sind in den Dörfern
Chinesen angestellt, meist junge, gut gebildete Leute.
Im Norden der Insel
wirkt eine canadische presbyterianische Missionsgesellschaft.
Die Katholiken haben
ihre fünf Stationen ausschließlich in Süden unter den Pepo-hwan, bei welchen
die christliche Kirche einen bei Weitem leichteren Eingang finden soll, als
unter den nüchternen Chinesen.
In die Berge zu den
sogenannten Wilden sind die Missionäre noch nicht vorgedrungen; auch dürfte es
ihnen schwer fallen für ihre erhabenen Lehren dort Anhang zu finden, denn die
Wilden haben so gut wie keine religiösen Begriffe. Sie wissen nichts von einem höhern Wesen,
einem Schöpfer und Lenker der Menschen, nichts von einem jenseits; Ihre
Mißgeschicke und Unglücksfälle schreiben sie bösen Geister zu, die sich in der
Luft, im Walde, und im Wasser aufhalten, und denen, um sie zu beschwichtigen,
täglich etwas Speise und Trank geopfert werden muß. Tempel, Götzenbilder, Priester, oder Zauberer
sind mir nirgends zu Gesicht gekommen. Als Aerzte könnten sich die Missionäre
übrigens durch einige geschickte Curen
bei Ihnen Eingang verschaffen, denn von der Heilkunst scheinen sie einige
begriffe zu haben doch glaube ich kaum , daß es einem gelingen wird ohne Samshu
(Reisbranntwein) und Betel einen Wilden zum Christenthum zu bekehren. Was die schon zu presbyterianern gemachten
Chinesen und Malanen anlangt, so will ich nicht erörtern, ob sie wirkliche oder
nur Scheinchristen sind. Musterhaft
eifrige Beter sind es jedenfalls. Nur
sollen sie, meine ich, in ihren Andachtstunden das Schauerliche, Mark und Bein
durchdringende Gekreisch und Gequake lassen das sie "Singen" nennen;
denn man fühlt sich immer tief beleidigt , wenn man eine solche Bete
Gesellschaft einen bekannten Choral herschreien hört und dabei das vollkommen
gerechtfertigte spöttische lächeln auf den Gesichtern der Nichtchristen sieht,
denen dieser abscheuliche Singsang gleichfalls nicht zusagt. Die Missionäre hätten die doch lieber nicht
singen Lehren sollen.
Auf
Formosa
Ethnographische
Wanderungen von Paul Ibis.
III.
Streifzüge
in Süd- Formosa: Aufbruch von Ta-kao.-Tang-kang- Pong-liau.-Die Küste zwischen
Pong-liau und Long-kiau.- Der Stamm Pilám.- Bei den Saprêk.-Der Weg ins
Territorium der Saprêk.- Empfangs Ceremonien.- Das Gastmahl beim Taurang.-
Long-kiau.- Das japanische Lager.-Ausflug zu den Sabari uns an die Ostküste.-
Der Taurand Issek und Tschutok.- Der Ort, wo die gestrandeten Japanesen von den
Wilden ermordet wurden.- Eine Hirschjagd.-Tour ins Territorium des Stammes
Sutang.- Das Steinthor.
Nachdem
ich in Ta-kao, wo ich landete, einige sichere Erkundigungen über die Insel
eingezogen, faßte ich den Plan, zuerst Süd-Formosa zu durchstreifen. Long-kiau, das damals leicht zu erreichen
war, bot einen guten Ausgangs- Punkt dazu.
Dank
der bereitwilligen Hülfe eines deutschen Kaufmanns, Herrn Mannich, dessen
offenherzige Gastfreundschaft ich während meines Aufenthalts in Ta-kao genoß,
waren die nöthigen Vorbereitungen zu meiner Reise bald vollendet. Herr Mannich, der Selbst Touren ins Innere
gemacht, nahm den lebhaftesten Antheil an meinem Unternehmen und war mir mit
seinen praktischen Rathschlägen von unschätzbaren Werth, besonders in der
Wichtigsten Frage, der Wahl der Geschenke, welche mir bei den Eingeborenen
Eingang verschaffen sollten. Da ich mein
Gepäck möglichst beschränkte, so brauchte ich nur zwei Kuli als Packträger
(Pferde oder Esel gibt es hier nicht); beide waren mir von einem Missionär als
zuverlässige Burschen empfohlen und bewahrten sich in der That als solche. Zudem sprach einer von ihnen etwas Englisch,
so daß er mir unter Chinesen als Dolmetscher dienen konnte, und der andere
erwies sich als ein ganz leidlicher Koch.
Freilich mußte es ihnen Geheimnis bleiben, das ich von Long-kiau aus und
auf dem Wege dahin die so gefürchteten Kalé (Wilden) zu besuchen beabsichtigte;
sonst wären sie mir schwerlich gefolgt.
Am 23.
Januar verließ ich Ta-kao. Die erste Nacht
brachte ich im Missionshause in Tang-kang zu, einer Stadt von 20,000
Einwohnern, von denen sich der dritte Theil ausschließlich mit Fischfang
beschäftigt. Der Fischfang ist an der
ganzen Südwestküste überaus ergiebig und der versieht nicht nur die Bevölkerung
der Insel mit Nahrung, sondern unterhält auch einen ziemlich lebhaften Handel
mit Amon und Swatow. Hunderte von
Dschunken und Katamarans (Seetüchtige Flöße aus Bambus mit Rudern und
Grassegeln versehen) bedecken an ruhigen Tagen das Meer, und Tausende von
Menschen sieht man am Ufer mit dem Reinigen, Einpacken, Salzen und Trocknen der
Fische beschäftigt; den Gestank, den solche Plätze ausathmen, spürt man schon
meilenweit.
Etwas
ganz Eigenthümliches, was Tang-kang besitzt, ist der Umstand, daß die Häuser
Hier zum größten Theil
aus Bambus geflochten sind, obgleich es hier in den Nächten doch recht kühl
ist. Das kommt aber daher, daß die Stadt
jährlich bei der Ueberschwemmung des Flusses der Gefahr ausgesetzt ist, weggespült
zu werden; der Chinese, der das weiß, richtet sich denn auch danach ein und
baut sich kein Steingebäude, das ihm m nächsten Jahre ebenso leicht zerstört
werden kann wie das billigste Bambushäuschen.
In
Tang-kang erreichten uns das fatale Gerücht von einem frechen Morde, den die Kalé
auf dem Wege nach Long-kiau an einigen chinesischen Soldaten verübt, was sich
weiterhin als wahr bestätigte, Meine
Leute, die die Sache sehr ernst aufnahmen, gingen nur ungern weiter, und als
ich nach zwei Tagen in Pong-liau, einem Fischerdorf oder, wenn man will, einer
Stadt von 5000 Einwohnern ankam, wo mit dem Flachlande die chinesische Macht
ihr Ende hat, so Schwand ihnen völlig der Muth; ein wenig Strenge, mehr aber
ihr festes Vertrauen auf die Vortrefflichkeit meines Doppelläufers und
Revolvers, brachte sie indeß auf die Beine.
Hinter
Pong-liau verändert sich schnell der Charakter der Gegend, die blühenden Felder
und schattigen Gärten verschwinden, und mit dem letzten Laute aus Pong-liau,
mit dem letzten armseligen Kartoffelfelde am Wege, hören all Anzeichen
menschlichen Lebens und Treibens auf, und eine drückende Ruhe umgiebt den
Wanderer; die wildzerissenen, mit verworrenem Gestrüpp bedeckten Bergketten
drängen sich immer näher und näher ans Ufer, bis sie sich endlich schroff aus
dem Meere erheben; der Weg, ein kaum sichtbarer Fußpfad, schmiegt sich bald ans
Wasser, verschwindet in Sand und Geröll, bald läuft er schroff bergauf und
bergab.
Zwischen Pong-liau und Long-kiau liegen nur drei kleine
Fischerdörfer; es sind Lam-sio, etwas südlicher Tsche-tong-ka und in 22°11'
nördl. Br. Hong-kong. Die wenigen
chinesischen Einwohner dieser Dörfer werden von den Eingeborenen geduldet weil
sie ihnen als Lieferanten von Waffen, Munition, Kleidern, Taback, Branntwein
und allerhand Schmucksachen unentbehrlich sind. Neue Anlagen sollen indeß nicht
zugelassen werden . Ein alter
ehrwürdigen Chinese im Dorfe Hong-kong, unter dessen Dache ich übernachtete,
erzählte mir aus eigener Erfahrung, folgendes Beispiel dazu: Noch als junger
unternehmungslustiger Mann, und theilweise auch von der Noth getrieben, faßte
er den Plan, sich zwischen Hong-kong und Long-kiau anzusiedeln, wo er sich bald
und leicht zu bereichern hoffte. Der
benachbarte Stamm der Eingeborenen hatte nichts dagegen. Er baute sich also ruhig sein Haus, legte
Felder und einen Garten an und, als er seine Verhältnisse mit den Kalé sicher
genug glaubte, brachte er auch Weib und Kind hinüber. Eine Zeitland ging es leidlich; und obgleich
ihn die Wilden ziemlich hochmüthig behandelten und oft beim Handel gewaltsam
übervortheilten, so war er doch klug genug allen ernstlichen Zwist mit ihnen zu
vermeiden; denn immerhin stand er sich hier in der eigenen Wirtschaft besser
als in der Ebene, wo er nichts besaß.
Aber durch einen unglücklichen Handelspact, bei dem sich die
Eingeborenen geprellt sahen oder glaubten, wandelte sich aller: erst wurden ihm
Felder und Garten verwüstet, dann das Vieh geraubt, und als er sich noch immer
nicht entfernte, das Haus bei Nacht überfallen und zerstört. Er selbst rettete sich und sein Kind mit
genauer Noth, während sein Weib ein Opfer dieser Greuelthat wurde. Einige Ruinen, die ich hier und da am Wege
sah, bestätigten die Wahrheit dieser Erzählung und zeigten zugleich, daß mein
Gastwirth nicht allein diesen Versuch gemacht.
In Lam-sio traf ich die ersten Eingeborenen. Es waren Männer und Frauen aus dem Stamme
Pilám, die aus den Bergen herabgestiegen waren, um Schießpulver gegen Felle und
Erdnüsse einzutauschen. Meine Freude bei
ihrem Anblick war womöglich noch größer, als der Schreck meiner Begleiter, und
sofort machte ich mich mit Taback , Betel und Samshu an sie, was allmälig ihre
Schüchternheit beseitigte, so daß sie sich schließlich ruhig zeichnen
ließen. Mit den Körpermessungen wollte
es aber durchaus nicht gehen; der Tasterzirkel flößte ihnen solche Furcht ein,
daß sie mir eilig davonliefen, sobald ich nur die Hand danach ausstreckte. Ich mußte ihn einpacken um sie zu beruhigen
und bei mir zu behalten. In der Folge
richtete ich das anders ein: wollte ich nähmlich einen Burschen messen, so
stellte ich erst eine Schale Samshu, etwas Schießpulver, oder sonst etwas
Verlockendes neben mich und gab ihm zu verstehen, daß er alle Dinge bekommen
sollte, wenn er die Procedur ruhig aushielte: zögerte er dann noch immer, böse Zauberei
befürchtend (was übrigens selten vorkam, denn Samshu ist eine zu gute
Lockspeise), so versuchte ich ihm klar zu machen daß ich Arzt sei und, um gute
Medicin machen zu können die Leute denen ich helfen wolle, gut kennen, daher
sie merken müsse; das half denn meistens.
Vorsichtig begann ich dann die Procedur mit dem Bande erst an Händen,
Füßen und am Körper, dann am Kopf und allerletzt mit dem gefährlichen Zirkel,
der trotz Samschu und Pulver doch manche in die Flucht trieb. Wie die Körpermessungen, mißlang hier auch
mein Versuch mit den Pilám ins Innere zu dringen; ihr Taurand (Häuptling) sei
ein gar böser Mann, meinten sie, und ohne dessen Erlaubniß durften sie keinen
Fremden mit sich mit sich nehmen, welche
Geschenke er auch versprechen möge. Die
Erlaubniß abzuwarten hätte aber vier Tage geraubt, weshalb ich es für besser
erachtete, meinen Weg nach Süden fortzusetzen.
Am
folgenden Tage hatte ich denn auch besseres Glück. Im Dorfe Hong-kong begegnete
ich nämlich Männern aus dem Stamme Saprêk, die, nachdem ich sie fleißig
bewirthet, einwilligten, mich in ihr Dorf zu geleiten und ihrem Taurand als
Bruder zu empfehlen; nur sollte ich dem Stamme ein Fest geben, wie es einem
großen weißen Taurang anstehe, d.h. soviel Samshu und Betel mit mir nehmen, daß
sich alle daran etwas zu gute thun könnten.
Das war nicht schwer zu arrangiren, da der ganze Stamm nicht über 150
Köpfe zählt. Meine neuen Reisegefährten-
etwa ein Dutzend an der Zahl- beluden sich daher mit so viel Schnaps in
Kürbisflaschen, Blasen und mannshohen Bambusröhren, wie sie tragen konnten, und
vorwärts ging es. Von meinen Leuten nahm
ich nur den Dolmetscher mit, da einige von den Eingeborenen etwas Chinesische
sprachen.
Es war Mittag, als wir aufbrachen. Die wenigen Reisfelder, das japanische Lager[7]
und die letzte Hütte des Dorfes lagen bald hinter und, und einen Meile
landeinwärts umgab uns vollständige Wildniß.
Die Berge und Ufer des Flusses, längs welcher unser Weg lief, deckte
ununterbrochener, dichter Wald; tiefe Stille umgab uns, die nur dann und wann
durch den schrillen Schrei eines aufgescheuchten Vogels oder das monotone
Gemurmel einer Cascade unterbrochen wurde. Einer dicht hinter dem Andern,
schritten wir schweigend weiter auf dem schmalen Pfade, der sich bald durch das
Dickicht wand, bald längs dem Flußufer oder durch Furthen lief. Nach etwa zwei Stunden machten meine
Begleiter auf einer kleinen Wiese halt.
Einer von ihnen ließ einen lauten gedehnten Pfiff hören, worauf
entfernte Stimmen aus dem Busch antworteten;
darauf vernahm man das Krachen dürrer Aeste, das Rascheln der Blätter
und nahende Stimmen, bis das Gebüsch sich endlich theilte und einige weibliche
Figuren ins Freie traten. Es waren die
Weiber meiner Gefährten, welche hier versteckt die Rückkehr ihrer Gatten abwarteten, um ihnen ihre Bürde heimtragen zu
helfen. Diese Fürsorge erwies sich
durchaus nicht als überflüssig, denn jetzt ging der Weg direkt bergan und zwar
so steil daß man sich stellenweise an den Baumzweigen halten mußte, um nicht
zurückzurutschen. Mir und meinen
Chinesen verging bald der Athem; meine
Gefährten aber und ihre Frauen schritten leicht und rüstig, wie auf ebenem
Felde, weiter, und lächelten nur, wenn ich mich erschöpft an einen Baumstamm
lehne, um Athem zu holen. Nachdem wir so
mehr als anderthalb tausend Fuß hinaufgekommen, überschritten wir endlich den
Bergrücken, und vor oder besser unter uns lag ein enges düsteres Thal, das
Jagdgebiet der Saprêk. Dunkle
scharfgezackte Berge schlossen es ein, und, soweit das Auge reichte, nichts als
Wald; keine Hütte, keine Rauchsäule deutete auf das Dasein menschlicher Wesen,
nur der Fluß, der sich, ein schmales Silberband, durch das Thalbett wand,
brachte einige Abwechslung, einiges Leben in diesen ernste, unheimlich stille
Bild. Unser Weg neigte sich jetzt auf
einige hundert Fuß langsam Thalwärts und lief dann in horizontaler Richtung
weiter, etwa 1000 Fuß über der Thalsohle.
Gegen Abend wurde der Wald lichter; gefällte und angebrannte Baumstämme,
noch glimmende Aschenhaufen am Wege und entferntes Hundegeläff deuteten auf die
Nähe menschlicher Wesen. Endlich traten
wir aus dem Walde auf eine große Lichtung, die bis ins Thal hinab reichte, und
erblickten die wenigen zerstreut von einander liegenden Hütten des Saprêk-
Dorfes vor uns.
Beim
Eingange in dasselbe machten meine Begleiter Halt. Ein Bambusstab wurde etwa 30 Schritt weit von
mir aufgestellt, und mir ein Zeichen gegeben, auf dieses Ziel abzufeuern.
Nachdem das geschehen und ein Schuß sich nach gehöriger Untersuchung als ein
guter erwiesen, wurde ich mit einiger Feierlichkeit ins Dorf geführt. Diesen Probeschuß, den ich auch bei einigen
anderen Stämmen thun mußte, kann ich mir
nur dadurch erklären, da die Saprêk, als ein Jägerstamm, den Mann eben nach
seinen waidmännischen Verdiensten schätzen, also nur einen guten Schützen sich
ebenbürtig halten. Hätte ich gefehlt, so
wäre ich wohl schmählich ausgelacht und schwerlich von dem Häuptling, dem
besten Jäger und Krieger des Stammes empfangen worden.
Auf dem Hofe der ersten Hütte hieß man mich auf einem
Bänkchen Platz nehmen, und auf den Taurand warten, der mich hier begrüßen
sollte. Meine Zwölf Begleiter und die
übrigen Männer des Dorfes, die auf den Schuß herbeigeeilt waren, setzten sich
im Halbkreis um mich her. Die Weiber
schafften schnell ein großes Gefäß auf den Hof, und nachdem sie es mit dem
mitgebrachten Branntwein gefüllt, zogen sie sich in die Hütte zurück.
Bald
kam auch der Taurang, ein Mann im mittlerem Alter, von ziemlich unansehnlichem
Aeußern, aber einem ungemein wichtigen, gespreizten Wesen. Die ganze stumme Gesellschaft wie auch mir
nur eines flüchtigen Blickes würdigend, nahm er mir gegenüber auf dem für ihn
bereit gestellten Sessel Platz. Ein
Knabe, der ihm, ein gelben an einen Pfeil befestigtes Fähnchen schwingend, vorangeschritten
war, trat dann mit einer tiefen Verbeugung vor ihn und legte besagtes Fähnchen
nebst einem grell bemalten Wachstuchköcher ihm zu Füßen. Auf einen flüchtigen Wink der Herrschers
verschwand der Knabe in der Hütte.
Niemand rührte sich jetzt, niemand sprach ein Wort; auf allen Gesichtern
lag der Ausdruck tiefen Sinnens, und feierlichen Ernstes: man erwartete die
Begrüßungsceremonie. Je länger indeß
diese Grabesstille dauerte, desto finsterer wurden die Züge des Häuptlings, und
ich, den die Scene anfangs herzlich belustigt, begann meine Lage etwas
unbehaglich zu finden. Dann
augenscheinlich erwartete man von meiner Seite den ersten Schritt; wie ich ihn
aber thun, ohne gegen die allem Anscheine nach so steife Etikette zu
verstoßen? Ein wohlwollender Bursche
half mir endlich aus der Verlegenheit, indem er mir zu verstehen gab, daß es
Zeit sie meine Geschenke dem Taurang darzubringen. Ich erhob mich daher und
trat vor den Finstern Herrn, der streng-fragend seinen Blick auf mich richtete. Ein Stück gelber Seide, eine Kette, und
einige Reihen Glasperlen, die ich ihm auf die Knie legte, verscheuchten indeß
die drohende Wolke von seiner Stirn er erhob sich, legte seinen linken Arm auf
meine rechte Schulter und bedeutete mich dasselbe zu thun, worauf man mir eine
Schale Samshu reichte, die wir abwechselnd einen Schluck thuend, bis auf den
Grund ausleerten. Jetzt war ich der
"Bruder " des Häuptlings, wie mir mein Dolmetscher auseinandersetzte,
und die Empfangsceremonie hatte ihr Ende.
Die stumme Gesellschaft hatte sich erhoben und machte sich wacker an das
Gefäß mit Samshu, und bald fehlte auch mein würdiger Bruder nicht unter ihnen.
Seine Gespreiztheit schwand allmälig, er wurde geschwätzig, lachte und schrie
wie ein gemeiner Saprêk, und als er sich
endlich bedenklich wankend entfernte, so machte er , allen Anstand vergessend,
einen so abscheulichen Gebrauch von seiner Kehle, daß die Hunde im Dorfe
aufheulten.
Mit Einbruch der Nacht wurde ich in das Tapau (Hütte) des
Häuptlings geleitet, das in der Mitte des Dorfes liegt und sich von den anderen
Hütten nur durch etwas mehr Geräumigkeit auszeichnet. Das Würdezeichen des Taurangs, das Fähnchen
im Köcher, wurde auf dem Wege dahin hoch in der Luft vor mir hergetragen. Auf dem Hofe des Tapau hatte sich das Volk
schon zum Feste versammelt und plauderte heiter. Bei meinem Eintritt schwiegen die Gespräche,
und Aller Gesichter nahmen plötzlich einen so feierlichen Ausdruck an, daß es
mir Mühe kostete, mich des Lachens zu enthalten. An der Schwelle trat mir der Taurang
entgegen, wie es schien in vollem Schmuck: er trug zwei Jacken, eine über der
andern; die untere aus rothem Flanell und einfach mit gelber Schnur umsäumt,
die obere von blauer Farbe, mit rothen Aufschlägen an den Aermeln und, außer
verschiedenfarbigen Schnüren, an der Brust mit einigen Reihen japanischer
Silbermünzen (10-cent Stücken) verziert.
Zwei schwarze Schürzen welche, kaum die halbe Lende bedeckend, um die
Hüften geschlagen waren, trugen dieselbe Bezierung. Das Haar war mit blauen Bändern, Perlen und
Ketten zusammengefaßt, und am Halse sah man eine wahre Last von
verschiedenfarbigen großen und kleinen Glasperlen. In den Ohrläppchen glitzerten runde mit
Spiegelscherben incrustirte Pflöcke, an den Armen Silber und Messingringe. Im
Gegensatz zu diese Ueberladung mit allem möglichen Tand waren seine Frau und
seine Töchter, die mit ihm mich willkommen hießen, sehr einfach gekleidet. Außer runden Porcellanstücken in den Ohren,
einer Perlenreihe am Halse und Armringen trugen sie keinen andern Zierrath. Das Haar war leicht am Nacken zusammengefaßt
und kokett mit einem blau und weiß gestreiften Tuchen umbunden, und das Costüm
der hiesigen Chinesinnen, das sie mit einigen Abänderungen sich angeeignet,
umzeichnete vortheilhaft ihre nicht schlechten Formen.
Nachdem der Taurang mich ehrerbietig in das Haus geleitet
und mir eine eigenhändig gestopfte Pfeife gereicht, wandte er sich mit einer langen Rede an die
hier versammelten Männer, meist ehrwürdig aussehende Greise, worauf wieder
Samshu getrunken werden Mußte, Dann begab sich die ganze Gesellschaft in die
zweite Abtheilung der Hütte, einen hohen weiten Raum, der durch das
lustig-prasselnde Feuer auf dem Herd hinlänglich erleuchtet war. Auf dem Fußboden war aus Brettern eine Art
Speisetisch hergestellt und mit dampfenden Schüsseln und Schalen beladen. Die
Weiber ordneten noch diesen und jenes daran, schoben eine Anzahl niedriger
(kaum 3 Zoll hoher) Bänkchen herbei und baten und dann Platz zu nehmen. Der Häuptling wies mir an seiner Seite einen
Sitz an, worauf sich auch die übrigen Gäste setzten, wie es mir vorkam, streng
nach Alter und Würde. Als Allen Reis,
Eßstäbchen und Samshu gereicht war, erhob sich der Wirth und Weintropfen um
sich spritzend murmelte er etwas, wie ich später erfuhr, eine Beschwörung böser
Geister; dasselbe geschah auch mit
Reis. So lange ich an der Tafel saß, aß
keiner der Anwesenden; Aller Aufmerksamkeit war auf die Bewirthung meiner
Persönlichkeit gerichtet; erst als ich mich erhob, als man mir Thee und warmes
Wasser zum Waschen der Hände und Ausspülen des Mundes gereicht, machten sie
sich an Speise und Trank, und zwar mit beneidenswerthem Appetit. Ihr Tisch ist übrigens nicht ganz schlecht,
wenigstens mundete er mir besser als der chinesische. Einige Gerichte, wie gesäuertes
Hirschfleisch, z. B., würden Selbst einer europäischen Küche Ehre machen.
Nach der Mahlzeit ließ man auch die Jugend eintreten, die
bis dahin geduldig auf dem Hofe gewartet.
Dar übrig gebliebene Samshu wurde herbeigeschafft und mit ihm kam Leben
in die steife Gesellschaft. Die
Unterhaltung wurde lauter und lauter, bis es schließlich keinen strengen
Taurang mehr gab, keine würdevollen Greise oder bescheidene Jünglinge, sondern
einfach lustige, ausgelassene Burschen. Spät nach Mitternacht ging der Hause
auseinander und ich legte mich vollkommen zufrieden mit dem Tage, zu Ruhe;
weder mein hartes Lager noch das Grunzen der Schweine, die nur durch eine
Strohwand von mir getrennt waren, hinderte mich am Einschlafen.
Am andern Morgen besichtigte ich das Dorf und seine
Umgebung, zeichnete einiges, sammelte Vocabeln des Saprêk Dialektes, kurz, ging
meinen gewöhnlichen Beschäftigungen nach.
Als ich mich am Nachmittag vom Taurang und seiner Familie verabschiedete,
wurde mir eine ausgezeichneten Hirschkeule geschenkt, und da ich ein
Gegengeschenk machte, so fügte man noch einen Sack gerösteter Erdnüsse
hinzu. Meine Chinese, auf dessen Buckel
das alles kam, bat mich inständig, dem Samshu-Geben (Schenken) ein Ende zu
machen, da die Wilden ihm für jede Kleinigkeit einen neuen Sack aufbürden
würden.
Einige junge Burschen begleiteten mich bis nach Hong-kong
und, da es zu spät für Heimkehr war, so blieben sie die Nacht über meine Gäste.
Das war mein erster Besuch bei den so „schrecklich
wilden“ Eingeborenen Formosa, da man, weiß Gott weshalb, selbst des
Cannibalismus beschuldigt hat;; und ich muß gestehen, sie machten auf mich
einen bessern Eindruck, als manches andere Volk, das sich einer hohen
Civilisation rühmt. Weder hier bei den
Saprêk noch irgendwo anders, wo ich mich blindlings den Eingeborenen
anvertraute, wurde von meinem Vertrauen zu ihnen der leiseste Mißbrauch
gemacht. Ueberall trat man mir mit
derselben offenen und ehrerbietigen Gastfreundschaft entgegen, und nie hatte
ich Grund, mich über Frechheit oder Zudringlichkeit zu beklagen. Schwer war es nur anfangs ihr Vertrauen zu
gewinnen und Zulaß zu ihnen zu erlangen, was übrigens ganz natürlich ist, wenn
man ihre Stellung berücksichtigt und die bitteren Erfahrungen, die sie selbst
und ihre Vorfahren im Verkehr mit den Chinesen gemacht haben; kein wunder
daher, daß sie jeden Fremden mit Mißtrauen betrachten.
Auf der Weiterreise hatte ich ein unerwartetes
Zusammentreffen mit Leuten aus dem Stamme Quajan (oder Quai-hwan?),
schmierigen, Verdacht erregenden Gesellen, die nach der Logik meiner Chinesen
auf uns zu feuern beabsichtigten. Aus diesem Grunde warfen sie das Gepäck von
sich, in der ernsten Absicht davonzulaufen; mein Revolver, vor dem sie
fürchterlichen Respect hatten, hielt sie indeß davon zurück. Das Abenteuer endete damit, daß ich an der
Lunte des nächsten Wilden meine Cigarre anzündete, jedem von ihnen eine
Cigarette in den Mund steckte und schließlich den einen abzeichnete.
Am 28.
Januar traf ich in Long-kiau ein. Hier
ist wieder gegen 20 Quadratmeilen fruchtbares Flachland ( des westliche Theil
der Südspitze), das ausschließlich von Chinesen bewohnt und cultivirt
wird. Ihre Gesamtzahl schätzt man nach
officiellen Angaben auf 10,000 Seelen.
Unter den Dörfern ist Long-kiau in der Nähe des Meeres das bedeutendste
und treibt einen Handel mit Ta-kao und Tai-wan-fu. In der nähe dieses Dorfes haben die Chinesen
drei Forts, deren Bau damals beendet wurde; zu einem vierten, in den Bergen,
wurde der Grund gelegt, ob sie es vollendet haben und noch behaupten, kann ich
nicht sagen. Der Ort sollte eine
Besatzung von 4000 Mann bekommen; 2000 waren schon da. Das japanische Lager, das der chinesischen
Regierung für theures Geld übergeben wurde, existirt nicht mehr; es wurde am
Tage nach Abzug der Japanesen bis auf den Grund niedergebrannt, weil, wie mir
ein Mandarin erklärte, die Gebäude zu schlecht und unbequem für chinesische
Soldaten wären. Nun, meiner Meinung nach
sind die chinesischen dicht aneinander gedrängten und von einer Mauer umgebenen
Lehmhütten entschieden schlechter, als die lustigen und geräumigen Strohgebäude
der Japanesen, wie ich sie im japanischen Lager bei Hong-kong sah. Ein chinesisches Lager oder Fort, wenn man so
die von einer dicken Lehmmauer umschlossenen Baracken nennen will, ist gerade
der Ort dazu, wo sich Fieber, Pocken und andere epidemische Krankheiten
entwickeln müssen, besonders bei der faulen Lebensweise der Soldaten, die den
lieben langen Tag in den beklemmenden Baracken bei der Opiumpfeife liegen oder
Karten spielen.
Die meisten Einwohner von Long-kiau hatten nie zuvohr
einen Europäer gesehen daher wurde ich allgemein als Japanese mit Freuden
empfangen; denn diese haben durch das viele Kleingeld, das gegenwärtig in ganz
Süd-Formosa in Umlauf ist, einen günstigen Eindruck bei den Landvolke
hinterlassen.
Es fiel mir in Long-kiau nicht leicht, der ängstlichen
Wachsamkeit der Mandarinen zu entschlüpfen und einen Ausflug an das Ostufer zu
machen. Denn diese Herren sind innerhalb
ihrer Wirkungskreises mit Hab und Gut für jeden Fremden verantwortlich, und was
diese Verantwortlichkeit kosten kann, haben ihnen die Engländer verständlich
genug gemacht.
Mit allen Mitteln, welche die Höflichkeit zuließ, wie z.
B. Einladungen zum Diner und Ankündigungen von Visiten auf einige Tage voraus,
suchten sie mich daher von weiteren Auslügen abzuhalten; aber wie gesagt, ich
entschlüpfte ihnen den nächsten Morgen schon und zwar ohne jegliche Begleitung,
ohne selbst meinen Leuten ein Wort davon zu sagen. Die Wege, welche die japanische Artillerie
gebahnt, mußten mich schon irgendwo hinführen.
Ich schlug also denjenigen ein, der mich am schnellsten in die Berge
brachte, wo ich denn bald das Glück hatte, auf einige Jäger aus dem Stamm Sabari
zu stoßen, die mich erstaunt als Dsipún (Japanese) begrüßten und gern in ihr
Dorf mitnahmen.- Die Sabari gehören nähmlich zu denjenigen Stämmen die sich
ohne Widerstand den Japanesen unterwarfen und während der Dauer der Expedition
mit ihnen in freundschaftlichem Verhältniß blieben. -Im Dorfe das ich gegen
Mittag erreichte, wunderten sich die Leute nicht wenig, als sie erfuhren, daß
ich weder Japanese noch schiffbrüchig war, sonder direct und ganz allein aus
dem Westen kam. Wer ich denn eigentlich
sei, konnte ich ihnen noch weniger erklären als den Chinesen, denen ich fast
überall als Missionär, Doctor oder englischer Consul galt.
Das
Glück war mir auf dieser Tour besonders günstig: Issek, des Sabari Taurang, gab
m nächsten Tage eine große Hirschjagd, zu der viele Häuptlinge und Jäger der Nachbarstämme
eingeladen waren. Da ich die alle hier
sah, so blieb mir die Mühe erspart, sie in ihren eigenen Dörfern aufzusuchen,
wodurch einige Tage gewonnen wurden.- Noch an demselben Nachmittag machte ich
dem Taurang meinen Besuch, dessen Tapau eine halbe Stunde vom Dorfe entfernt in
einem reizenden Thale gelegen ist. Ich traf ihn eifrig mit dem Putzen seiner
Waffen beschäftigt, während seine Frau und das übrige weibliche Personal des
Hauses mit allerhand Vorbereitungen um bevorstehenden Feste alle Hände voll zu
thun hatten. Issek empfing mich ohne
jegliche Ceremonie und ohne Geschenke zu fordern, bewirthete mich mit Thee und
einem ziemlich schmackhaften Gebräu aus Hirse, fragte mich dann nach dem Zweck
meiner Reise und bat mich schließlich morgen an der Jagd Theil zu nehmen; mit einem Worte: er hatte nichts in seinem
Benehmen oder Aeußern, was Jemanden berechtigen könnte, ihn kurzweg einen
„Wilden“ zu nennen. Ueberhaupt bemerke
ich, daß man mit diesem Wort ziemlich unbedachtsam umzugehen pflegt; denn ein
Volk, welcher feste Wohnsitze hat, Ackerbau treibt, dessen Lebensbedürfnisse
bei Weitem das übersteigen, was die Nur ihm bietet, also Handelsverbindungen
unentbehrlich machen und selbst einen gewissen Luxus beanspruchen, ein solches
Volk kann ich nicht mehr „wild“ heißen, wenn es auch nicht lesen, schreiben und
über Zehn hinaus zählen kann und keine Begriffe hat von einer Staatsverfassung
im Großen. Auf Formosa läßt sich daher dieses Wort auf die wenigsten Stämme
anwenden.- Doch zurück zu Issek. Dieser
gemüthliche Herr läßt sich am besten mit einem wohlhabenden Landwirthe
vergleichen, de, Comfort und Geselligkeit liebend, ganz nach seinen Mitteln
lebt und zu leben weiß, dabei aber die Wirthschaft nicht aus dem Auge läßt. Seine Felder und Gärten sind gut bestellt,
seine Büffel wohlgefüttert und sein Tapau, ein weitläufiges, solides Gebäude,
ist im Innern recht behaglich eingerichtet.
Das Zimmer, in welchem ich empfangen wurde, war mit Stühlen, Tischen und
Koffern von guter chinesischer Arbeit meublirt und an den Wänden hing an
Hirschgeweihen ein ganzes Arsenal von Büchsen, Messern, Speeren und andrem
Jagdgeräth, eine Sammlung, auf die der Hausherr nicht wenig stolz war. Das Haus und Küchengeräth war meist chinesisch
und nicht von der schlechtesten Sorte.
Man sieht also, daß der Sabari-Häuptling bequem zu leben versteht, was
denn auch kein zufriedenes wohlgenährtes Aeußere und sein leutseliges Wesen
bestätigen. In seiner Kleidung ist er
einfach und trägt sein Haar im Zopf- der erste Schritt zur chinesischen
Civilisation.
Von ihm begab ich mich ins Dorf
Tuarsók, vier Meilen nordöstlich von Sabari.
Hier lebt der Taurang Tohutok, wie mir gesagt wurde das Haupt einer
Conföderation von 18 Stämmen (diese Conföderation scheint mir indeß eine sehr
lockere, wenn nicht gar nominelle, zu sein).
Tohutok fand ich vollkommen berauscht und mit seiner Ehehälfte heftig
zankend, weshalb mein Besuch von nur kurzer Dauer war.
Die
Nacht schlief ich im Dorfe Sabari im Hause eines alten, bei den Eingeborenen
hoch angesehenen Chinesen; denn die Sabari, wie auch die Tuasók und einige
andere Stämme, dulden unter sich Chinesen, scheinen sich aber nicht mit ihnen
zu vermischen.
Da die Jagd bei Issek erst gegen Mittag beginnen und den
ganzen Nachmittag dauern sollte, so benutzte ich den Morgen um meinen Plan, bis
an die Ostküste vorzudringen, auszuführen.
In aller Frühe brach ich der andern Morgens auf und zwar wieder ohne
Führer, obgleich mich die Leute kopfschüttelnd vor dem Stamme Kuarút warnten,
dessen Territorium ich zu durchschreiten hatte.
Das trockenen Flußbett, in welchem ich vordrang, brachte mich nach einer
Stunde in ein Dorf, wie es sich damals erwies.
Bakurút, wo das Volk bei meinem plötzlichen Erscheinen einen
fürchterlichen Spektakel erhob: Weiber und Kinder liefen heulend davon, die
Männer stürzten bewaffnet aus den Hütten und bald sah ich mich von einem Haufen
schmutziger und verdächtig aussehender Gesellen umringt, die durch allerlei
Pantomimen zu wissen begehrten, wo mein Schiff gestrandet. Es blieb mir nichts anderes übrig, als nach
Osten zu weisen wodurch ich mir mehr Führer erwarb als mir lieb war. Zu einiger Beruhigung sah ich unter ihnen
einen jungen Chinesen, mit dem ich mich im Nothfalle schon etwas verständigen
konnte. Man drängte mich fast gewaltsam zum Aufbruch.- Die Reis und
Kartoffelfelder, welche sich bisher an beiden Seiten des Flusses hinzogen,
verschwanden und machten dem Walde Platz, der, immer dichter und höher werdend,
endlich in vollkommen undurchdringlichen Urwald überging. Bald durch den Fluß watend, bald über Steine, Geröll und riesige
Baumstämme kletternd, folgten wir anfangs dem Flußbett; dann schlugen meine
Führer einen schmalen Pfad in den Wald ein. Jeden dünnen Ast vermeidend, auf
jeden Lauf aufhorchend, schlichen wir jetzt weiter, denn wir passierten das
Gebiet der Kuarút, mit denen die Bakurút in Feindschaft leben. Das dumpfe Getöse der Brandung wurde immer
deutlicher, bis und endlich durch die
Bäume die Seefläche entgegenschimmerte.
Nachdem die eingeborenen die Umgebung sorgfältig rekognosziert und
nichts Verdächtiges gefunden, verließen wir den Wald und betraten das Ufer,
welches hier an der Flußmündung eine kleine sandige Bucht bildet. Einige Strohhütten im Schatten der Bäume, aus
denen dünne Rauchsäulen emporwirbelten, fesselten meine Aufmerksamkeit. Der junge Chinese, der die ganze Zeit mir
zur Seite schritt, beeilte sich zu erklären, daß von hier aus die Kuarút der
See und schiffe beim Sturme beobachteten und daß dies der Ort sie, wo sie die
Liu-kiu Insulaner von dem japanischen Schiffe ermordet (was bekanntlich der
Expedition zur Folge hatte oder richtiger als ihr Vorwand diente; denn die
ganze Formosa- Affäre, über die in Japan so fürchterlich viel geschrien und
Wesen gemacht wurde, hatte im Grunde keinen andern Zweck als durch ein Aufsehen
erregendes Unternehmen der Regierung da unheildrohende Gähren im Volke zu
unterbrechen und somit einer Revolution vorzubeugen, was denn auch
gelang.) Das Japanische Schiff was etwas
südlicher gestrandet; Mangel an Wasser hatte wohl die Schiffbrüchigen
hergeleitet. Planken von diesem und
anderen unglücklichen schiffen kann man weit im Innern als Stege und Brücken
über Bäche und Gräben sehen.- Aufgebracht waren meine Begleiter anfangs genug,
als sie einsahen, daß sie Ihren mühevollen Spaziergang ganz vergebens gemacht,
daß ich weder Schiffbruch erlitten noch ein Fahrzeug hier stehen hatte, sondern
einfach das japanische Wrack das gar nicht mehr existierte, sehen wollte. Zu ernstlichen Zornausbrüchen wie ich
befürchtete, kam es indessen nicht; der Chinese legte sich mit Erfolg ins
Mittel, und als ich jedem obendrein etwas Tamako (Taback) gegeben, was der
Friede bald hergestellt. Mit doppelter
Vorsicht mußten wir auf der Rückkehr zu Werke gehen; denn die glimmenden Feuer
in den Hütten ließen auf die Nähe der gefürchteten Kuarút schließen.
Die Jagd bei Issek,
die nebenbei gesagt recht heiter war, und günstig ausfiel, verdient keiner
nähern Beschreibung; es war eine gewöhnliche Treibjagd, wie sie überall in
Europa in wildreichen Gegenden abgehalten werden; nur muß man sich statt
uniformierter Jäger, eleganter Herren und graziös zu Pferde sitzender Damen
schmierige, halbnackte Burschen vorstellen, und statt des pikanten
Gabelfrühstücks hinterdrein ein etwas unheimliches Gelage im Hause des Taurang.
In der folgenden Nach kehrte ich nach Long-kiau zurück,
wo man sich über mein unbegreifliches Verschwinden schon ernstlich zu ängstigen begann. Meine Leute, die mich fast aufgegeben, waren
höchlichst erfreut mich gefunden und munter wiederzusehen und erzählten darauf
Allen und Jedem auf meine Rechnung die wunderlichsten Abenteuer, wie ich es aus
den verblüfften und erstaunten Gesichtern ihrer Zuhörer schloß.
Eine andere Tour die ich darauf nach Norden ins Land der
Butáng, des stärksten und gefürchtetsten von allen Stämmen Süd-Formosas,
unternahm mißglückte gänzlich; denn schon in der ersten Nacht die ich im Walde
unter freiem Himmel zubrachte, ergriff mich ein heftiges Fieber, wohl infolge
meiner nassen Kleider, da ich am Tage mehrmals einen Fluß zu durchwaten
hatte. Ziemlich hülflos wurde ich am
andern Morgen von einigen Leuten aus dem Stamm Kuskút am Wege gefunden und von
diesen nach einer langen und ernsten Berathung bis zum sogenannten Steinthor zurückgebracht,
von wo ich mich denn selbst bis zur nächsten chinesischen Colonie schleppte.
Das genannte Steinthor, das seine Benennung von den
Japanese hat, wird durch zwei mächtige, fast senkrechte Schieferwände gebildet,
zwischen die der Fluß eingezwängt ist.
Es ist, wie es scheint, der einzige Eingang in das Land der Butáng und
Kuskút. Die Japanesen hatten hier ein
hitziges Treffen mit den Eingeborenen, die sich, durch Flasen und Wald gedeckt,
verzweifelt vertheidigten, jedoch den Feind im Vordringen nicht aufhalten
konnten. Nördlich von diesem Thor ist
das Land vollkommen wild und rauh, womöglich noch wilder als das Gebiet der
Saprêk; südlich sind die Berge niedriger und sanfter, die Thäler breiter und
hier und da bebaut. Die erste
chinesische Colonie- wie die ganz neuen Gebäude bezeugen, erst unlängst
gegründet- befindet sich eine Stunde Weges südlich von Steinthor.
Nach Anwendung einigen geeigneten Mittel verließ mich das
Fieber schnell, und bald war ich stark genug um Long-kiau zu verlassen- zur
vollen Zufriedenheit der Mandarinen.
Auf Formosa
Ethnographische
Wanderungen von Paul Ibis
IV.
Die
Eingeborenen von Süd-Formosa: A. Die Stämme, Sabari, Whang-tschut, Tuasók,
Bakurút, Liongrúan, Kantáng, und Quajan: Aeußeres, Kleidung, Zierrath, Wohnung,
Geräthe, und Waffen, Nahrung, und Getränke, Beschäftigung und Handel. Geistige Entwicklung, Leben Sitten, und
Gebräuche. B. Die Saprêk und Pilám.
In Süd
Formosa kam ich im Ganzen mit Eingeborenen aus neun Stämmen in Berührung; es
waren die Sabari (etwa 200 Mann stark) in 24°4‘ ndl. Br. Und 120°48‘ östl. L.;
einige Meilen nördlich von diesen die Whang-tschut und in ihrer Nähe die
Kantáng; nordöstlich von den Sabari die Tuasók (gegen 100 Mann); im Osten die
Bakurút (gegen 150 Mann); im Süden die Liongrúan; dann zwischen Hong-kong und
Long-kiau die Saprêk (etwa 150 Mann) und endlich die nördlichsten von allen,
die Pilám, ein großer Stamm, dessen Territorium bis an die Ostküste reicht.
Außer diesen genannten giebt es noch eine große Anzahl
anderer Stämme, deren Namen und Lage mir nur teilweise bekannt geworden. Die Gesammtzahl der Eingeborenen von Süd
Formosa taxire ich auf nicht mehr als 3000 Mann.
Schon
hier, auf einem verhältnismäßig kleinem Raume, kann man die Beobachtung machen,
daß nicht allein Äußere Verhältnisse, wie Zufälligkeiten des Bodens, Art der
Beschäftigung und andere, die einzelnen Stämme von einander scheiden, sondern
daß es auch manche charakteristische Eigenheiten in ihrem Typus giebt, welche
nicht anders als durch ihre verschiedene Abkunft oder Kreuzungen mit anderen Völkern
erklärt werden können. Zwar lassen sich
die Bewohner der Südspitze , die sieben erstgenannten Stämme, als ein einziger
betrachten- vielleicht waren sie es auch anfangs, oder es hat der gegenseitige
Verkehr ihre charakteristischen Züge ausgeglichen-, einen Pilám aber und einen
Saprêk kann selbst der Flüchtigste Beobachter nicht mit ihnen verwechseln, so
schroff ist der Unterschied in ihrem Aeußern.
Die ersten sind nähmlich im Durchschnitt häßliche, schmächtige Figuren,
von schmutzig- gelblicher Hautfarbe, während die letzteren besonders die Pilám,
gut und stark gebaut und von einer schönen Bronzefarbe sind. In ihrer Sprache waltet ein ähnlicher
Unterschied, doch lassen sich beide, wie alle mir bekannt gewordenen Mundarten
Formosas, auf eine Wurzel, das Tagalische, zurückführen.
Betrachten wir zuerst die Bewohner der Südspitze.
Es sind, wie
gesagt, kleine häßliche, schlecht proportionierte Figuren, entweder schmächtig
oder gedrungen. Waden, Lenden und Arme
sind dürr und die Muskeln schwach. Die
Schultern stehen gerade, der Hals ist meist kurz, die Brust flach. Der Kopf ist klein, bald schmal, bald kurz,
das Gesicht breit, mit hervorstehenden Backenknochen und Unterkiefer. Die Nase ist breit, abgeplattet, der Mund
groß, mit dicken, fleischigen Lippen.
Die Augen sind schmal, dunkelbraun und oft ein wenig schief
gestellt. Die Ohren nicht groß, doch
werden die Ohrläppchen durch eingesteckte Pflöcke sehr erweitert. Das Haart ist schwarz, schlicht, nicht
besonders dicht; der Bartwuchs wie auch die Behaarung der übrigen Körperteilen
äußerst schwach. Die Hautfarbe ist
dunkel, aber kein Braun, vielmehr ein schmutziges Gelb, bei Kreisen gar mit
einem Stich ins Grünliche. Der Gesichtsausdruck ist meist finster, wenig
vertrauen erweckend, der Blick schwermüthig.
Der Mund ist immer streng geschlossen und öffnet sich selten, selbst
beim Lachen. Die Haltung des Körpers ist
würdevoll, der Gang gemessen, fest, und jede Bewegung wir jede Miene ruhig und
besonnen. Ihre gewöhnliche Stellung ist
sitzend auf der Erde ober auf einem niedrigen Bänkchen, die Arme um die Knie
geschlungen.
Ihre
Frauen sind nicht schöner, ebenfalls klein und schwach gebaut. Die Büste ist schlecht entwickelt, die Brüste
klein und conisch zulaufend; das Haar
ist nicht reich. Sie sehen meistens
gedrückt und abgestumpft aus und weder ihre Kleidung noch ihr benehmen zeugen
von Koketterie oder einem natürlichen Schönheitssinn, der bei Frauen anderer
Stämme doch recht entwickelt ist. Bei
den Whang-tschut und Bakurút sah ich übrigens einige bessere weibliche Figuren,
als die eben beschriebenen.
Die Kleidung dieser Stämme ist die chinesische, nur durch
einige Veränderungen und Verzierungen ihren Gestalten besser eingepaßt. Die Männer tragen eine kurze schwarze oder
dunkelblaue Jacke, die gewöhnlich mit rother oder weißer Schnur umsäumt ist,
und kurze Hosen von derselben Farbe, welche nur bis zur halben Lende reichen
und mit einem farbigen Gürtel um den Leib zusammengehalten werden. Das Haar wird auf dem Vorderhaupte kurz
geschoren, das übrige entweder zu einem Knoten geschlungen oder in einen
winzigen Zopf geflochten, den sie meist um den Kopf gewickelt tragen (s.
„Globus“ XXIII, S. 247, die Abbildung eines solchen Negrito von Mariveles mit
einem knieband von Wildschweinsborsten), und Schuhe auf Hirschfell. Die Kopfbedeckung besteht aus einer schmalen
blauen Binde, oder einem Tuch. Das
Costüm der Frauen besteht aus blauen oder weißen Beinkleidern und einer Blouse
darüber; nur ist beides weit kürzer, als bei den Chinesinnen. Das Haar wird nicht geflochten, sondern mit
einem rothen Bande, einer Kette oder Perlenschnur umwunden und als Zopf um den
Kopf gewickelt. Ueber das Haar wird ein
Tuch geschlagen.
In Gegensatz zu anderen Eingeborenen behängen sich diese
nur spärlich mit allem möglichen Tand, wahrscheinlich wohl, weil sie, den
anderen Stämmen an Entwicklung überlegen, keinen Werth mehr auf solche dinge
legen. Der häßliche Gebrauch die
Ohrläppchen zu durchstechen und durch runde Pflöcke aus Holz oder Porcellan zu
erweitern, ist aber noch allgemein.
Diese Pflöcke von Chinesischer Arbeit haben einen Zoll und mehr im
Durchmesser und sind grob emailliert oder incrustirt. Verstümmelnden an Zähnen, oder sonst welcher
Art habe ich nicht gesehen; auch Tätowieren sie sich nicht.
Ihre
Wohnungen sind im Ganzen besser gebaut, als die rauchigen Hütten der Saprêk,
und mit mehr Comfort eingerichtet. Die
Dörfer Sabari und Tuasók unterscheiden sich nicht viel von den hiesigen
chinesischen. Die liegen recht hübsch im
Thale am Wasser, umgeben von hohen Bambusgehegen, Gärten und Feldern. Sie bestehen aus einzelnen großen Gehöften,
deren jedes von einer besonderen Familie mit allen ihren Angehörigen bewohnt
wird. Die Häuser sind aus rohem
Backstein aufgeführt und bilden gewöhnlich eine lange Reihe viereckiger Kammern
ohne Innern Zusammenhang, aber durch einen Gang verbunden, den eine leichte,
längs der ganzen Hausfronte laufende Bambuswand herstellt. Jede Thüröffnung hat eine entsprechende in
der Bambuswand; Fenster giebt es nicht.
In der Mitte des Hauses befindet sich das Zimmer des Familienhauptes,
ein geräumiges Gemach, das auch als gemeinsames Speisezimmer dient. Zu beiden Seiten sind Schlafkammern der
verschiedenen Familienglieder, Küche, Vorrathskammer u.s.w. Die Diele ist aus Lehm oder Stein. Die Seitenwände der Zimmer sind mit Waffen
und Hirschgeweihen decorirt, die Hinterwand ist aber bis nach ober mit
Hirsegarben, deren Aehren sorgfältig geordnet sind, ausgefüllt, zu welchem
Zwecke, habe ich nicht ermitteln können, vielleicht einfach, um die Hirse immer
recht trocken zu halten. Einige niedrige
Bänke und Sessel, welche zugleich als Nackenkissen diene, auch bei
Wohlhabenderen chinesische Stühle, Betten und Koffer machen das Mobiliar aus. Der Hof vor dem Hause, ein viereckiger, etwas
erhöhter Platz, ist sorgfältig geebnet und wird sauber gehalten, da hier das
Korn gedroschen und getrocknet und manche andere Arbeit verrichtet wird. Vor dem Hause sind Gehege für Büffel, die sie
als Landbauer reichlich halten. Das Dorf
Bakurút hat ein eigentümlicheres Aussehen.
Es besteht aus niedrigen viereckigen Hütten mit sehr steilen Dächern
(aus Reisstroh und Bambusstäben). Die
Wände nur 3 bis 4 Fuß hoch, sind aus Bambus geflochten und mit Lehm
beworfen. Das spärlich erleuchtete
Innere bildet ein einziges Zimmer, welcher ziemlich ärmlich eingerichtet ist;
man sieht da sie mit den Chinesen nicht viel verkehren. Jede Hütte steht gesondert in der Mitte eines
freien Platzes. Zwischen ihnen sind
Gehege für das Vieh, und kleine Gemüsegärten.
Das Hausgeräth, wie Kessel, Töpfe, Schalen, Tassen, ebenso Werkzeuge für
Ackerbau, sind chinesischer Arbeit. Nur
Bänke, Matten und zahlreiches Geschirr aus Kürbis sind von den Eingeborenen
selbst angefertigt.
Hausthiere sind, wie gesagt, der Büffel, das Schwein, der
Hund und die Katze. Auch Enten, Gänse
und Hühner werden gehalten.
Ihre Waffen haben sie, wie alle Stämme, gleichfalls von
den Chinesen; es sind 1. Ein unbequemes Luntengewehr von 4 Fuß Länge mit einem
sehr kurzen Kolben; 2. Speere, d.h.j. ein 6 Zoll langes Messer an einen 8 bis
10 Fuß langen Schaft befestigt; 3. Ein gerades Messer ( etwa 2 Fuß lang und 1 ½
Zoll breit) in einer Scheide aus Holz, welche nur die eine Seite des Messers
einschließt, an der andern aber mit Draht oder Schnur überspannt ist; 4. Ein
Bogen von 3 bis 4 Fuß Länge, dazu Pfeile aus Bambus mit Eisenspitzen ( mit und
ohne Widerhaken). Die Patronen, grobes
in Bambusstäbchen geschüttetes Pulver und Bleiklumpen, werden in einem feinen
Netz auf dem Rücken getragen. Ein
zierliches Hörnchen mit feinem Pulver für die Pfanne hängt an einer Kette am
Halse. Die Lunte ist um der Oberkörper
gewickelt, das Messer steckt immer unter dem Gürtel und der Speer oder die
Büchse kommt selten aus der Hand, so das ein Trupp eingeborener ein ganz
malerisches Bild abgiebt. Ihre Gänge in
die chinesischen Niederlassungen oder auch nur in ein Nachbardorf geschehen
immer in voller Rüstung. Gegessen wird
dreimal täglich; Morgen um 7 Uhr, Mittags und Abends, gegen
Sonnenuntergang. Die Grundlage zu jeder
Mahlzeit bildet, wie bei den Chinesen, gekochter Reis; dazu reicht man süße
Kartoffeln gekocht oder gebacken), geröstete Erdnüsse, Erbsen, Kohl und anderes
Gemüse, ferner Schweinefleisch (gesotten und gebraten, eine sehr beliebte
Speise), Wildbret, Eingeweide von Thieren, Geflügel, und Fisch (ebenfalls in
verschiedener Zubereitung und alles in Bissen zerlegt. Hirse wird weniger gegessen als bei anderen
Stämmen, welche selbst keinen Reis Bauen.
Salz fehlt in den Speisen und scheint als Leckerbissen betrachtet zu
werden; denn ich sah sie es ohne Weiteres wie Zucker verzehren.
Getränke sind chinesischer Reiswein (Samschu oder
Tsiu)Wawa oder Bawa, ein einheimliches, schwach berauschendes Getränk, aus
Hirse gegoren; Thee und als Ersatz desselben der Heiße Abguß von gekochtem Reis
oder Kartoffel. Der Speisetisch selbst
wird auf der Diele aus Brettern zusammengesetzt, und die Tafelsitte ist
dieselbe, wie ich sie bei Gelegenheit meines Besuches bei den Saprêk
beschrieben habe. Den Speisen und
Getränken wird reichlich zugesprochen und die sonst so zugeknöpften, wortkargen
Leute werden beim Mahle recht heiter und redselig. Lautes Rülpsen scheint wie im Orient als
Compliment aufgenommen zu werden. Nach
dem Essen wird Thee gereicht und warmes Wasser zum Ausspülen des Mundes und zum
Waschen der Hände, und endlich eine Pfeife Taback, worauf sich es jeder auf
Matten und Bänken so bequem macht, als möglich.
Die Frauen essen nicht mit den Männern, sondern bedienen an der Tafel.
Ueberhaupt begnügen sie sich mit Wenigem; ich habe nie ein Weib Samschu oder
Wawa trinken oder Schweinefleisch essen sehen, und fast will es mir scheinen,
als laste auf ihnen eine Art Tabu; allein bestimmt behaupten kann ich es
nicht,
Als Narcoticum ist der Betel sehr im Gebrauch; Männer,
Weiber, selbst Kinder kauen ihn. Auch
rauchen beide Geschlechter stark Taback; die Pfeifen erhalten sie von den
Chinesen.
Neben dem Ackerbau, der, dank Bodenbeschaffenheit in
diesem Theil der Insel, die Hauptbeschäftigung der eingeborenen ist, behauptet
die Jagd den nächsten Rang. Die Wälder
sind reich an Hirschen, Ziegen und anderem Wild, dessen Fleische, Häute und
Hörner sowohl im eigenen häuslichen Gebrauch wie im Handel verwerthet
werden. All Männer sind Schützen und
handhaben ebenso gut Pfeil und Bogen, wie die Büchse, denn da Pulver und Blei
theuer bezahlt werden muß, so geben sie womöglich immer dem Bogen den Vorzug.
Cultivirt wird: Reis, Hirse, Weizen, Yams, Bataten,
Erdnüsse, Gemüse, die Banane Arecapalme und der Betelpfeffer.
Der Tauschhandel zwischen den Eingeborenen und Chinesen(
Geld hat keinen Werth) scheint recht lebhaft zu sein, und wie vortheilhaft er
den letzeren ist, zeigt allein der Umstand, daß sie, trotz ihrer lächerlichen
Furcht vor den Kalé, sich nicht gescheut haben in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft
selbst unter Ihnen, sich niederzulassen.
Der Handel wird meistens in den chinesischen Dörfern abgehalten. Je nach Bedürfnis kommen die Eingeborenen
scharenweise nach Long-kiau. Dort haben
sie ihre bestimmten Kunden, die ihnen neben guter Bewirthung für das
mitgebrachte Holz, Felle und dergleichen das gewünschte geben, wovon immer ein
guter Theil Samschu und Taback ist.
Gefeilscht wird viel dabei, und jeder Gegenstand einer umständlichen
Probe und Kritik unterworfen. Zur Zeit
meiner Reise, indem sie für die Eingeborenen in Long-kiau offenes Haus hielt,
so sie sich satt essen und ausruhen konnten und für das mitgebrachte Holz immer
gut bezahlt wurden. Die freundliche
Behandlung der Mandarinen wie die gebotenen Vortheile sollten den eingeborenen
Vertrauen zur Regierung einflößen und die engebahnten friedlichen Verhältnisse
sichern. Doch werden die Unruhen des
vorigen Sommers dem ein Ende gemacht haben.
Ein getreues Bild vom Charakter dieser Stämme zu
entwerfen, übernehme ich, nach einem nur wenige Tage langen Aufenthalte unter
ihnen, nicht. Ich kann nur von dem
Eindruck reden, den sie auf mich machten; und der war, wie ich gelegentlich
schon früher bemerckt, so schlecht nicht.
Die Schreckensgeschichten, die man mir von ihnen erzählt, fand ich stark
übertrieben. Es waren , im Grunde
genommen, gute, gastfreundliche und ehrliche Leute, wenn auch etwas
mißtrauisch, verschlossen und leicht erregbar, aber ebenso leicht zu
besänftigen und zu gewinnen. Der Strandraub, den sie trieben und der sich von
selbst in Folge der häufigen Schiffbrüche entwickeln mußte, giebt noch keinen
Grund ab, als ein verdorbenes, entartetes Volk zu betrachten. Vernünftige Leitung und Behandlung, bin ich
jetzt überzeugt, würde sie bald zu friedlichen und fleißigen Landbauern
umgestalten, denn an Anlagen und an gutem Willen, etwas zu lernen, fehlt es
ihnen durchaus nicht. Für das Fremde, Unverständliche bezeigen sie großes
Interesse und freuen sich kindisch, wenn man es ihnen erklärt, was durchaus
nicht schwer ist. Ferner können sich
viele von ihnen geläufig im Chinesischen verständigen und finden sich selbst in
der chinesischen Schrift zurecht, wozu doch recht viel Geduld und Gedächtnis
gehört. Eigene Schrift oder Zahlzeichen
haben sie nicht, und ihre Zahlenscala geht nicht über Zehn. Musikinstrumente oder ein geregelter Gesang
fehlen gleichfalls. Auch ihre
Schnitzereien und Matten sind grob, erstere augenscheinlich Nachahmung der
chinesischen. Ueberhaupt haben sie
selbständig es nicht weit gebracht.
Nach dem Gesagten ist ihr Lebenslauf höchst einfach und
in wenigen Worten erzählt. Schon von der
frühesten Jugend auf werden die Kinder zur Arbeit angehalten: die Knaben helfen
dem Vater nach Kräften bei Feldarbeiten, begleiten ihn auf die Jagd und in die
chinesischen Dörfer, wo ihnen Gelegenheit genug geboten ist, sich durch
Geschicklichkeit, Schlauheit und Kühnheit auszuzeichnen und auszubilden. Denn gerade diese Eigenschaften sind es, die
ihn als Mann ernähren und ihm seine Stellung im Stamme anweisen sollen. Die Mädchen
wachsen unter den Augen der Mutter heran, ihr in allen möglichen häuslichen und
weiblichen Arbeiten Hülfe leitend. Hat
der junge Mann die Geschlechtsreife erreicht, so wählt ihm der Vater eine
Gattin und macht mit ihren Eltern alle Heiratsangelegenheiten ab. Gewöhnlich wird die Braut mit Kleiderstoffen
und Schmucksachen erkauft und folgt dem Bräutigam ins Haus seines Vaters; im
andern Falle muß der junge Gatte als Knecht in den dienst seines
Schwiegervaters treten. Eine Hockzeit
ist ein Fest, an dem der ganze Stamm Theil nimmt, ebenso die Geburt eines
Kindes; denn je mehr Kinder eine Familie hat, desto höher steht sie in der
Allgemeinen Achtung. Daraus entspringt
denn auch die allzu zärtliche Liebe der Eltern zu ihren Kindern, was wiederum
den Mangel an Pietät vor dem Alter Seitens der Jugend zur Folge haben mag. Vielweiberei kommt nirgends vor. Ihre Toten sollen sie erst einen Tag beweinen
und dann ohne jegliche Ceremonie im Walde verscharren; kein Stein, kein Zeichen
wird auf die Begräbnißstätte gelegt.
Jedes Dorf steht unter einem
Oberhaupte, Taurang genannt, dessen Macht indeß keine bedeutende und mit keinen
besonderen Einkünften verbunden ist. Bei
Zwistigkeiten hat er Recht zu sprechen; in wichtigeren Fällen aber versammelt
sich bei ihm ein Rath aus allen Familienhäuptern, der die Sache entscheidet.
Einige Nachbardörfer haben sich auch unter einem gemeinsamen Obertaurang
vereinigt, wie Tohutok einer ist.
Dieselben Gebräuche, dieselbe Selbstverwaltung fand ich
mit wenigen Veränderungen auch bei den anderen Stämmen. Der unterschied zwischen ihnen, wie erwähnt,
liegt hauptsächlich in ihrem Typus, dann im Costüm und der mehr oder minder
niedrigen Kulturstufe, auf die sie stehen.
Die Saprêk, welche wir noch nicht näher betrachtet haben,
sind zwar auch nicht groß von Wuchs, doch größer als die südlicher lebenden
Stämme ( mittlerer Wuchs 62.8 Zoll nach meinen Messungen) und besser gebaut als
diese. Nicht selten sieht man unter
ihnen starke Gestalten mit guter Muskelbildung, besonders an den Beinen. Ihr
Gesicht ist gleichfalls breit, die Backenknochen und Unterkiefer hervorstehend,
aber der Ausdruck edler, gesetzter. Die
Augen stehen gerade, sind aber nicht groß; die Farbe des Iris ist ein schönes
Braun. Die Lippen sind dick, der Mund
aber nicht breit. Die Farbe der Haut ist
ein reines Dunkelbraun. Das Haar ist
schwarz, oft mit einem Stich ins Braune, dicht und straff. Es wird bis auf Nackenweite abgeschnitten,
stark geölt und mit einem blauen oder rothen Bande, mit Perlenreihen oder Ketten
zusammengehalten. Manch tragen auch
kleine Schellen oder gelbe Blumen im Haar.
Ihre Kleidung ist schon oben beschrieben ( bei Gelegenheit meines
Besuches).
Ihre Frauen sind kräftige, wohlgefällige Figuren mit gut
geformter Taille und Büste. Sie sehen
fröhlich und zufrieden aus, und hübsche junge Gesichter mit munteren
schelmischen Augen sieht man oft. Alte Weiber sind aber total häßlich. Ihre Kleidung ist äußerst einfach, doch nicht
ohne Geschmack oder unvortheilhaft für ihre Erscheinung. Die knappe chinesische Blouse und die kurzen,
weiten Beinkleider stehen ihnen vortrefflich. Außer einer Masse von Zinn und
Messingringen an den Armen habe sie fast gar keinen andern Zierrath an sich.
Das hoch im Gebirge gelegene Dorf Saprêk besteht aus
einzelnen, 50 bis 100 Faden von einander entfernten Hütten, die ein schmaler
Pfad verbindet. Die niedrigen Wände sind
aus Stroh geflochten, ohne Fenster und Thüren; beide ersetzt eine offene Wand,
die bei Nacht mit Matten zugedeckt wird.
Das conisch zulaufende Dach ruht auf einem starken Bambusgerippe. Das Innere der Hütte zerfällt in zwei Theile;
in der vorderen hellen Hälfte hält man sich am Tage auf, in der Hintern,
dunklen, wo auch der Herd steht, bei Nacht.
Oft ist vorn auch den Schweinen ein Winkel abgetheilt. Das Hausgeräth ist meist chinesisch, aber
ärmer als bei den Sabari. Da sie keinen
Reis bauen, so halten sie keine Büffel, desgleichen keine Hühner, Enten und
Gänse, weil sie alles Geflügel (ebenso Eier in den Speisen verabscheuen. Sie leben vorzüglich von der Jagd, denn außer
etwas Yams, Kartoffeln und Gemüse wird nicht angebaut. Ihre Waffen sind dieselben, wie bei den
vorigen Stämmen, nur besser gearbeitet und verziert; sie werden sehr rein
gehalten. Die Pilám unterscheiden sich
von den Saprêk nur durch höheren Wuchs und durch ernstere finstere
Gesichtszüge. Ihre Frauen sind im Ganzen
nicht schön und tragen viel Zierrathen an sich.
Im ganzen lassen sich diese beiden Stämme als Uebergang von den
Eingeborenen Süd-Formosas zu den Stämmen Mittel-Formosas betrachten.
Auf Formosa
Ethnographische
Wanderungen von Paul Ibis
V.
In Mittel-Formosa: Durch
die Provinz Fung-shan-hien.- Das chinesische Landvolk. Ankunft in Bankimtsung auf der katholischen
Missionsstation. -Ausflug zu den Katsausán. -Ueber Takao und Tai-wan-fu nach
Lakuli.- Das Gebiet der Pepo-hwan.- die Hakka.- Die Stämme Bantauráng und
Katsausán: Aeusseres, Kleidung, Wohnung u.s.w
Am zweiten Februar kehrte ich Long-kiau den
Rücken; bis Pong-liau folgte ich dem alten Wege, ohne mit neuen Stämmen in
Berührung zu kommen, dann nahm ich meine Richtung nach Nordosten, quer durch
die dicht bevölkerte und Äußerste erst fruchtbare Provinz Fung-shan-hien. Dieselbe ist entschieden der schönste Theil
Formosas und eine der reizendsten Landschaften, die ich überhaupt gesehen. Wie ein großer Garten dehnt sie sich auf vom Seeufer bis zum Fuße
der blauen Bergriesen, die mit ihren zackigen Häuptern und scharfen umrissen
einen kraftvollen Hintergrund zu den mild-grünen Feldern und Bambus und Palmenhainen
bilden. Die zahllosen Dörfer liegen verborgen im Schatten riesiger
Bambusbüsche, Bananen und Fruchtbäume und zeichnen sich durch eine Reinheit und
Niedlichkeit aus, wie ich sie nie bei den prosaischen Chinesen erwartet hätte. Das Landvolk selbst, besonders in Gegenden ,
wo noch nie Europäer gewesen, ist gutmüthig, gastfreundlich, und ehrlich, ein
förmlicher Gegensatz zu den Chinesen, mit denen wir in den Handelsstädten des
Festlandes in Berührung kommen und nach denen, wie es scheint, sich das
allgemeine Urtheil über das ganze Volk gebildet hat. Denn gewöhnlich nennt man das chinesische
Volk kurzweg faul, morsch entarten und was desgleichen noch. Es ärgert mich immer, ein ganzes Volk durch
ein leicht hingeworfenes Wort verdammen zu hören, besonders wenn es nicht
allein durch Leute geschieht, die jahrelang in Hongkong oder Shanghai am
Comptoirpult gesessen haben und sich darum berechtigt glauben, ein Urtheil über
die Chinesen zu fällen, wenn sie auch nur mit Compradores, Ladendienern und
Chair- Kulis die ganze Zeit über zu thun hatte.
Der Raum verbietet mir leider, meine Einwendungen dagegen umständlicher
auseinanderzusetzen und meinen eigenen Ansichten über China und das Chinesische
Volk Ausdruck zu geben; den Bauer will ich aber ein wenig in Schutz nehmen, auf
die Gefahr, hin, vom geraden Wege abzuspringen.
Je mehr ich mit dem
Landvolke Formosas verkehrte mich in seine Lage, Lebensweise und Ansichten
hineinfand, eine desto bessere Meinung bekam ich von ihm, und schließlich
schämte ich mich gründlich des Mißtrauens, mit dem ich anfangs die guten Leute
behandelte. Wo ich auch einkehren mochte, war ich immer ein willkommen Gast,
und das ganze Haus machte sich auf die Füße, um es mir an nichts fehlen zu
lassen. Meine Sachen und mein Geld konnte ich ruhig stehen und liegen lassen,
wenn ich ausging; sie wurden während der
Zeit betrachtet, bewundert, aber nie kam mit etwas abhanden. Für das
Nachtlager, für die Beköstigung meiner Person und meiner Leute wurde nichts
verlangt, nie Geld angenommen; ich konnte mich ihnen nur durch kleine Geschenke
dankbar erweisen. Soviel über Gastfreundschaft und Ehrlichkeit im alltäglichen
Verkehr; aber auch im Handel ist der Chinese ein zuverlässiger Mensch, der sein
einmal gegebenes Wort getreulich hält. Er
fälscht seine Ware nicht, und liefert sie nie schlechter, als die Probe. Nach dem Worte eines achtbaren Europäers in
Takao, der beim Aufkauf der Zuckers jahrelang mit dem Landvolke zu thun gehabt,
werden all Contrakte zwischen ihnen bloß mündlich geschlossen, und nie wurde
ein solcher Vertrag gebrochen, wie vorteilhaft das auch dem durch nichts
anderes als sein Wort verpflichteten Farmer oder Compradore gewesen wäre. Wie zu sehen, begreift er dem Spruch „Was du
nicht willst, daß man Dir thu', das füg auch einem andern zu!“ und lebt
danach. Dasselbe erwartet er denn auch,
und mit allem Recht, von Anderen. Wie er
selbst im Umgange ehrlich, höflich und zuvorkommend ist so muß man auch ihm
entgegenkommen. Ein geringschätzige
Behandlung, wie sie sich die Europäer in China nur zu oft zu Schulden kommen
lassen, beleidigt ihn, und dann versteht er keinen Spaß. In den meisten Fällen, wo Europäer in China
vom Volke gesteinigt oder durchgeprügelt wurden, hatten sie es nicht anders
verdient, und man muß nicht gleich an politischen Haß oder Barbarei denken,
wenn man hört daß ein salbungsvoller Betbruder oder dünkelhafter Ladenschwengel
mal wider in einem chinesischen Dorfe Schläge bekommen hat; die Zeitungen
werden darüber natürlich Schreckensgeschichten erzählen. Das Familienleben der Bauern ist ein
friedliches und meist glückliches. Mann
und Frau behaupten im Hause gleiche Rechte, sind gleich arbeitsam und gleich
bemüht, ihre Kinder zu ehrlichen, nützlichen Leuten heranzuziehen. Von einem
Einsperren der Frauen und Mädchen ist hier keine Rede; wer Hände hat, soll
arbeiten. Die Prostitution herrscht nur
in Stätten und keinesfalls offener und frecher, als in Europa; hier im Dorfe,
wo jeder früh heirathet, kann sie gar nicht aufkommen. Auch Kebsweiber hält der
Bauer nicht, das wäre ihm zu kostspielig; ist seine Frau unfruchtbar, so
erlaubt ihm das Gesetz, sich scheiden zu lassen. Ueberhaupt ist er mäßig in
seiner Lebensweise, trinkt wenig und raucht selten Opium, dessen schädliche
Folgen er hinlänglich kennt, und das ihn auch bald an den Bettelstab bringen
würde. Sonst liebt er Geselligkeit; bei
einer Tasse Thee und einer Pfeife Taback schwatzt er gern des Abends beim
Nachbar oder im Tempel, der in Dörfern mehr die Bedeutung eines Clubs zu haben
scheint. Ferner ist der chinesische
Bauer weit Selbständiger, und trotz der strengen Gesetze freier als in vielen
anderen Ländern. Denn er kennt seine
Gesetze genau, weiß, was sie von ihm fordern, was sie ihm verbieten, und lebt
er nach ihnen, so tritt ihm keiner zu nahe.
Seine Abgaben sind nicht übertrieben groß, so daß er bei einigem Fleiße
bald zum Wohlstand kommen kann. Bettler
sieht man gar nicht, da jedes Dorf seine Armen und Altersschwachen selbst
versorgt. Denn jeder Bemittelte sieht
seine Ehre darin, dem Darbenden zu helfen, und aus den freiwilligen Gaben
werden Kleider, Nahrungsmittel, Medicin, selbst Särge angeschafft, die im
Tempel aufbewahrt und jedem wirklich Notleidenden gegeben werden. So ist der chinesische Bauer. Kann man ihn entarten nennen? Ich sehe in ihm nur einen braven Menschen.
Doch zurück zu meiner
Reise.
Nach einem scharfen
Marsche traf ich am 4. Februar in Bankimtsung ein, wo ich beim katholischen
Missionär, Pater S., eine freundliche Aufnahme fand. Dieser Pater, einer der leutseligsten und
nobelsten Menschen, denen man begegnen kann, ist schon seit zwölf Jahren in
Formosa und hat sich hier dermaßen eingelebt, daß ihm der Gedanke an eine
Heimkehr nach Europa längst nicht mehr in den Sinn kommt. Einfach und immer
heiter in seiner Umgangsweise, besitzt er das volle Vertrauen und die Liebe
seiner Gemeinde, und das wie er sagt ersetzt ihm alle Entbehrungen eines
einsamen Lebens fern von der Heimath.
Bankimtsung, das
östlichste Dorf in der Ebene, liegt hart am Fuße der Gebirges, das hier direkt
zu bedeutender Höhe emporsteigt. Es ist
von Pepo-hwan bewohnt, d.h. von Malanen, welche die chinesische Zivilisation
angenommen und unter Chinesischen Schutze stehen. Diese Leute leben mit ihren unabhängigen
Stammverwandten in der benachbarten Bergen in leidlich gutem Verhältnis; daher
war es nicht schwer von hier aus dem Stamme Katsausán einen Besuch abzustatten.
Ein Führer und Träger, welche Samshu und Betel und obendrein ein Ferkel
mitzunehmen hatten waren leicht aufzutreiben, um so mehr, da der Dorfmandarin,
ein alter Malane, selbst die erforderliche Anzahl Leute herbeischaffte und all
Plackereien bei Einkäufen und Vorbereitungen auf sich nahm.
Die Katsausán leben in
22°35‘ nördl. Br. Jenseits der Wasserscheide in einer rauhen, durchaus für
Ackerbau oder Viehzucht ungeeigneten Gegend.
Ihre Dörfer liegen hoch im Gebirge und sind nur auf mühevollem Wege zu
erreichten; sie stehen unter einem gemeinsamen Häuptling, einem noch jungen
Manne. Das Dorf, welches ich besuchte,
wird von den Chinesen Tau-sia genannt; es liegt etwa 10 Meilen von Bankimtsung
entfernt. Im allgemeinen hörte ich Wenig
Gutes von den Katsausán. Sie gelten als
roh, ungestüm, trunksüchtig und habgierig; doch will es mir scheinen, als ob
die Pepo es mit den Fehlern ihrer Nachbarn etwas zu streng nehmen. Eitel und
aufbrausend fand ich sie zwar, besonders im berauschten Zustande, wo sie denn
auch leicht Unheil anrichten können; doch im nüchternen Zustande waren es
angenehme, lebhafte Leute, welche man nicht zu fürchten braucht. Zudringlich könnte man sie allenfalls auch
noch nennen, doch sind sie es in einer zu kindischen Weise , um wirklich lästig
zu werden; sie bitten um Alles was sie erblicken, doch giebt man es nicht, so
sind sie auch zufrieden.
Als ich diesen Abstecher
mit Erfolg ausgeführt, kehrte ich nach Katao zurück, um mich einige Tage
auszuruhen und meine erschöpften Vorräthe zu erneuern.
Am 9. Februar rückte ich
wieder aus, erst nach Tai-wan-fu, wo ich mich zweit Tage umsah, und dann gerade
nach Osten, bis nach Lakuli (22° 2 _ nördl Br. Und 120° 47‘ östl. L. Gr), wo
ich wieder mit einem unabhängigen Stamme zusammentraf. Das ganze Land zwischen Tai-wan-fu und Lakuli
ist ein fruchtbares und schönes Bergland.
Einen allmäligen Uebergang vom Tieflande zum Hochgebirge bildend, ist es
reich an Scenerien der abwechselndsten Art, was die mühevolle Reise durch
Schluchten und über Bergrücken sehr angenehm macht. Denn auf jeder Höhe öffnet sich vor den
Blicken ein neues Panorama, herrlicher und großartiger, als das vorige. Der Weg läuft im Zickzack bald durch eine
enge Schlucht oder zwischen senkrechten nackten Schieferwänden hin, bald durch
Reis und Zuckerfelder oder schattige Gärten, dann wieder steil bergauf, bergab
über Flüsse und durch den Urwald. Je
weiter man nach Osten kommt, desto enger werden die Thäler und desto seltener
die bebauten Flecke; der Wald wird größer und dichter, und östlich von Lakuli,
dem letzten von den Pepo-hwan bewohnten Dorfe, bedeckt er ununterbrochen das
Gebirge; dort ist das Territorium des gefürchteten Stammes Bantauráng. Den westlichen Theil des Berglandes zwischen
Tai-wan-fu und Lakuli bewohnen Chinesen, den östlichen vornehmlich Pepo-hwan,
welche hier ihre Nationalität besser beibehalten haben als in der Ebene. Beide, Chinesen und Pepo, leben in den
Thälern, wo der fruchtbare Boden den Ackerbaus äußerst vortheilhaft macht; auf
den Höhen aber, und vorzüglich in der höchsten Bergregion, traf ich einen
sonderbaren Menschenschlag, der weder mit Chinesen noch Eingeborenen
Aehnlichkeit hatte; den die Chinesen nennen sie Hakka. In ihrem Aeußern liegt nichts Mongolisches,
nichts Malanisches, vielmehr etwas, was manch zur Annahme verleitet, sie für
Zigeuner anzusehen, also zur Indo-Germanischen Race zu zählen. Andere behaupten ( wohl mit besserm Recht,
Siehe. Ratzel Chines. Auswanderung, S. 124), sie seien die Aboriginer des
Gebirges von Süd-China welche mit Kantonesen seit Langem nach Formosa
gekommen. Welche Ansicht die richtige
ist, ist schwer zu bestimmen; denn die Hakka sind in ihrer Lebensweise ganze
Chinesen geworden, haben ihre Sprache vergessen und wissen nichts aus ihrer
Vergangenheit zu berichten; allein aber nach dem Aeußern zu entscheiden, ist
doch etwas gewagt. Die Hakka sind
meistens starke, musculöse Figuren, dunkler als Chinesen und Malanen. Ihr Gesicht ist oval, die Stirn hoch, die
Nase gerade und in gehöriger Vertiefung.
Die Lippen sind energisch geschwungen, nicht dick, und der Mund ist
nicht groß. Augenbrauen und Wimpern sind
dicht und der Bartwuchs stark, denn Männer von 20 Jahren haben schon einen ganz
stattlichen Schnurrbart. Kinn und Wangen
werden dagegen fleißig rasirt. Ihr
Gesichtsausdruck ist energisch, verständig, und in ihrem Wesen liegt die ernste
edle Ruhe, wie sie den echten Inder kennzeichnet. Auch ihre Frauen sind schöner und besser
gebaut als Chinesinnen, und stehen dem Wuchse nach in richtigem Verhältniß zu
den Männern; ihre Füße verstümmeln sie nicht.
Die Hakka haben keine Dörfer; sie leben in stiller Zurückgezogenheit
zerstreut im Gebirge, wo sie ein wenig Ackerbau treiben, hauptsächlich aber,
wie es scheint, sich mit Viehzucht beschäftigen, denn Kuh und Ziegenherden sah
ich viel. Für den Handel liefern sie
Wolle, Kampfer und Ingwer. Das ist alles
was ich über die Hakka sagen kann.
In Lakuli, wie gesagt,
stieß ich wider auf einen unabhängigen Stamm.
Es waren die Bantauráng aus den benachbarten Bergen, welche mit Weib und
Kind zum Neujahrsmarkt nach Lakuli gekommen waren. Aus diesen nur einen Tag dauernden jährlichen
Handelsbesuch beschränken sich alle ihre Beziehungen zu den Pepo; sonst sieht
man sie nie im Thale, und sie unangemeldet in ihren Dörfern aufzusuchen, halten
selbst die Pepo für zu gewagt. Mit ihnen
Weiter nach Osten vorzudringen, war nicht der Mühe werth denn nach allen
Erkundigungen gleichen ihre Dörfer und Wohnungen denen der Katsausán. Dasselbe läßt sich auch von ihrem Aeußern
sagen; nur sind sie um einen Ton heller als jene. Beide Stämme unterscheiden sich indeß
bedeutender, als ich voraussetzte, von den eingeborenen Süd-Formosas, und will
man sie mit einem andern malanischen Volke vergleichen, so ähneln sie weit mehr
den Tagalen oder den Danaks und Sulu-Insulanern, welche ich auf Labuan sah, als
den Malanen von Malakka oder den Südsee-Insulanern. Ihre Sprache steht dem Tagalischen noch näher
als die Dialekte von Süd-Formosa. Die
Männer sind im Mittel etwas über 5 Fuß hoch, und gut und kräftig gebaut. Das Gesicht ist bald oval, bald rund, und die
Backenknochen wie der Unterkiefer stehen nicht merklich hervor. Die Augen sind
groß, voll und dunkelbraun, Augenbrauen und Wimper dicht. Die Nase ist nicht übermäßig breit, oft
gerade und gut geformt. Die Lippen sind
zwar etwas fleischig, doch von guter Zeichnung. Die Hautfarbe ist nicht dunkler
als die der Tagalen. Das Haar ist eher
dunkelbraun, als schwarz; sie scheren es nur über der Stirn, das übrige wird
unter den Turban gewickelt. Ihre Frauen
kann man im Ganzen hübsch nennen, nur sind sie zu Vollleibichkeit geneigt und
im Verhältniß zu den Männern zu groß von Wuchs.
Auffallend schön sind aber ihre großen glänzenden Augen und das
wundervoll dichte und lange Haar.
Die Männer kleiden sich
recht malerisch in blaue, gelbe uns alle mögliche grelle Farben; besonders
beliebt ist gelb. Sie tragen eine oder
mehrere leichte Jacken, einen großen schwarzen ( bei den Katsausán auch rothen)
Turban und statt der Beinkleider einen Schurz um die Hüften; doch das nur bei
Ausgängen, zu Hause begnügen sie sich nur mit einer Binde um die Lenden. Auf Längeren Zügen werden die Beine mit
Zeugstreifen umwickelt, die in der Art der Hosen Zugeschnitten sind. Besonders bunt kleiden sich die Bantauráng;
ich sah Burschen, deren Jacken aus vielen verschiedenfarbigen Stücken
zusammengenäht waren, oder die das eine Hosenbein von rother, das andere von
grüner oder gelber Farbe hatten. In den
Ohren tragen sie keine Plöcke, wie im Süden, sondern lange Ohrringe
chinesischer Arbeit, die gewöhnlich mit Perlenquasten endigen. Eine menge Ringe an Armen und Fingern, Ketten
und farbige Glasperlen, vorzüglich große, sind sehr beliebt, werden aber mehr
von Frauen als Männern getragen. In
ihrem Costüm ziehen die Frauen auch hier bescheidenere Farben vor, als die
Männer; die Grundfarbe ihrer Kleidung ist blau, weiß oder schwarz; die
Verzierungen sind in farbigen Schnüren oder Stickereien ausgeführt und sehr
einfach. Sie tragen einen langen Rock,
darüber eine Bluse oder weiße Jacke, welche letztere so kurz ist, daß sie die
halbe Brust nackt läßt. Die Füße sind
vom Knöchel bis zum Knie mit Zeugstreifen bekleidet, so daß es aussieht, als ob
sie enge Beinkleider trügen. Ueber das
leicht zusammengefaßte Haar wird ein großes helle Tuch geschlagen, das in
schönen Falten auf den Rücken herabfällt. Darüber liegt ein breiter Kranz von
Laub (bei den Bantauráng mehr gelbe Blumen), ein Putz der ihren meist hübschen
Gesichtern vortrefflich steht. En
leichtes viereckiges Tuch von blauer oder schwarzer Farbe vervollständigt das
Costüm beider Geschlechter; es wird derartig über die Schulter geschlagen, daß
es, den rechten Arm freilassend, den Rücken und die linke Seite bedeckt. Ferner
Tätowieren sich Männer und Frauen einige 5 bis 6 Linien breite Streifen längs
der Außenseite des Armes und einige Strich Länge dem Handrücken. Die übrigen Körpertheile und das Gesicht
werden nicht tätowiert.
Ihre Waffen (vorzüglich
die Speere) zieren sie mit Haarbüscheln der erschlagenen feinde, und ich muß
bemerken ich wenige, die diese Zierde entbehrten.
Die Häuser im Dorf der
Katsausán sind durchweg aus Schiefer erbaut; selbst Fenster und Thürverschlüsse
sind aus Schiefertafeln angefertigt, nur das Dach ruht aus einem
Bambusgerippe. Das Wohnhaus lehnt sich
immer mit dem Rücken an die Bergwand. Die
Mauer ist an der Fronte kaum vier Fuß hoch; doch geht das Dach hoch hinauf, so
daß das Innere ziemlich geräumig ist. Der
Eingang in das Haus ist gewöhnlich an der rechten Seite, man betritt erst eine
Art Vorzimmer, auf dem man dann durch eine Thür linke abbiegt in das
eigentliche Wohnzimmer, einen weiten durch ein paar Fensteröffnungen hinreichen
erleuchteten Raum. Um die Wände laufen 1 Fuß hohe Schlafstellen, die mit Matten
und Fellen bedeckt sind, und zugleich alles andere Mobiliar ersetzen. In einer
Ecke steht der Herd. Das Hausgeräth ist
chinesisch. Vor jedem Hause ist ein
freier Platz, auf dem die Vorrathskammer steht; diese, ein hohes Strohdach, ruht
auf 4 bis 5 Fuß hohen Pfosten, die oben mit weiten Schieferrädern endigen, um
Ratten und Mäusen den Zutritt abzuschneiden.
In ihrer Lebensweise und
ihrer Entwicklung stehen sie mit den Saprêk auch gleicher Stufe. Von den Bantauráng wird erzählt, das sie ihre
Todte innerhalb der Häuser begrabe. Was
ich übrigens im Süden nirgends hörte was ein ziemlich geregelter einstimmiger
Gesang mit Vorsänger und Chor; das melancholische Motiv erinnerte mich an die
alten Gesänge der Sandwich insulaner.
Da die Bantauráng in der
Nacht nach meiner Ankunft Lakuli verließen, für mich also nichts mehr zu thun
was, so wanderte ich nach Nordwesten durch das Gebiet der Pepo-hwan, und
erreichte am 20. Februar die Kreisstadt Kagi, von wo aus ich wiederum einen
Abstecher in die Berge zu machen beabsichtigte.
Auf Formosa
Ethnographische Wanderungen von Paul Ibis
VI.
Die Pepo-hwan: Ihre Dörfer, -Religion der Pepo. -Tanz. -Aeußeres, Kleidung
v. der Pepo.- Von Kagi bis Tschang-hwa.- Bei den Sek-hwan: Sie Stellung dieses
Stammes zu den Chinesen und übrigen Eingeborenen. –Der Typus der Sek-hwan.- Im
Norden der Insel. -Abreise. -Vermuthungen über die Abkunft der Eingeborenen
Formosas. Einige Wörter aus den Sprachen
von Formosa.
Dörfer der Pepo-hwan oder Pepo trifft man zwar auf der ganzen Strecke von Bankimtsung bis Kagi und immer in der Nähe des Gebirges, doch kann man als ihr eigentliches Gebiet das besprochene Bergland östlich von Tai-wan-fu bezeichnen, besonders den östlichen Theil desselben, so das Land schon einen entschieden gebirgigen Charakter annimmt. Ihre Dörfer, wir Lakuli, Poe-ting-loe, Tau-sia und andere sind bedeutende Orte von 200 bis 300 Einwohnern und geben an Schönheit der Lage und innerer Einrichtung den chinesischen Dörfern in Fung-shan-hien nichts nach. Es sind vielmehr üppige Gärten, unter deren Schatten und Kühle sich die Menschen zurückgezogen haben. Arecapalmen, Papaya und Bananen, mächtige Bananen, Mango und andere Fruchtbäume wetteifern hier an Fülle und Kraft des Wachstums, bald herrliche Gruppen zwischen den Häusern bildend, bald sie überwölbend oder ganz dem Blicke entziehend. Um das Dorf läuft eine Allee aus riesigen Bambusbüschen, aller andere überragend. Man fühlt sich so wohl und heimlich in der stillen Zurückgezogenheit einer solchen Ortes und unter den einfachen, gutherzigen Leuten daß man ihm fast mit Wehmuth den Rücken kehrt, wie einem trauten Orte, von dem man auf immer Abschied nimmt.
Die Pepo unterscheiden sich gegenwärtig wenig von den Chinesen; mit der chinesischen Civilisation haben sich auch die chinesische Sprache angeeignet, und halten sich mit Ausnahme eine Dorfes, Tau-sia, an die Lehre des Confucious ob sie ein einziger Stamm sind oder die Ueberreste mehrerer, vormals die ganze Ebene bevölkernder Stämme, übernehme ich nicht zu entscheiden. Ist das Letzte der Fall, so haben sie sich jedenfalls stark mit einander vermischt und auch wohl fremdes Blut (chinesisches und holländisches) aufgenommen, was eine Ausgleichung ihrer Stammunterschiede zur Folge haben mußte. Uebrigens würden ihre Traditionen neben vielem andern Interessanten auch über diese Frage Auskunft geben, die zu sammeln für hiesige, chinesisch sprechende Europäer nicht schwer wäre. Denn die Traditionen und Sagen der Pepo leben noch fort: ich hörte sie Lieder in malanischer Sprache singen, welche, wie sie sagten, von ihren wilden Vorfahren gesungen wurden, und deren Sinn alte Leute noch verstehen. So viel ich durch meinen schleckten Dolmetscher herausbringen konnte, besingen diese Lieder Mond und Sonnenschein, Wald und Freiheit, und die Heldenthaten verschiedener großer Häuptlinge.
In dem Dorfe Tau-sia (etwa 23° 12‘ nördl. Br. und 120° 32‘ östl. L.) fand ich noch die Religion der alten Pepo erhalten. Diese besteht in der Verehrung uralter Thierschädel und Hirschgeweihe, welch in einer besonderen Hütte aufbewahrt werden. Die Leute wissen selbst nicht, woher diese Schädel und Geweihe stammen; sie haben sie von ihren Vorfahren geerbt, denen sie Schutz und heilbringend waren; warum sollten sie es auch jetzt nicht sein? Den Missionären ist es noch nicht gelungen, ihren Glauben an die Kraft dieser Heiligthümer zu erschüttern, denn in Tau-sia haben sie nicht viele getauft. Ich sah zwei solcher Schädelhütten. In der einen, im Dorfe selbst, waren ein Paar Schädel, ein Hirschgeweih und zweit alte Speere Symmetrisch an eine Art Altarwand befestige und mit bunten Steinchen behangen. Einige Wasserkrüge, Töpfchen mit Samshu und Arecazweige standen und lagen davor, es waren die Opfer, welche die Leute den Heilgithümern in wichtigen Lebensmomenten darbringen. Die andere Hütte, auf dem Felde, war schon in halb- verfallenem zustande. Zweimal monatlich muß jeder Pepo den Schädeln etwas opfern, gewöhnlich Reis, Samshu, Arecanüsse und dergleichen. Beim eintritt in die Hütte entblößt er das Haupt und bespritzt den Altar mit einem Mund voll Samshu, wobei er sich verbeugt und in die Hände klatscht und dann seine Gaben vor den Alter legt. Darauf beschränkt sich der Ganze Cultus. Vor einem wichtigen Unternehmen, die Eheschließungen, bei der Geburt eines Kindes und in allen anderen wichtigen Lebensmomenten ist dasselbe zu thun. Priester giebt es nicht.
Etwas anderes, was die chinesische Civilisation noch nicht verdrängt hat, ist ihr Tanz, ein wilder Rundtanz, mit Gesang, der nur in mondhellen Nächten aufgeführt wird. Die Leute versammeln sich denn vor dem Hause der Aeltesten, und während die Altern plaudernd Thee trinken, rauchen und Betel kauen, giebt sich das junge Volk dem Vergnügen des Tanzes hin: bunt durcheinander bilden jung Mädchen und Burschen eine feste Kette. Der Gesang beginnt, eine schwermüthige sich fortwährend wiederholende Phrase. Zierlich die Füße setzend, machen sie dabei einen Schritt rückwärts und zwei Schritte in diagonaler Richtung vorwärts, wodurch sich der Kreis langsam in die Runde dreht. Der Gesang wird allmählich lauter, das Tempo schneller und schneller, und die zierlichen Schritte gehen in ein wildes Springen und Stampfen über bis schließlich die Kette reißt und die Tanzenden theils auseinanderstolpern oder unter allgemeinem Gelächter ins Gras purzeln. Besonders leidenschaftlich geben sich die Mädchen dem Tanze hin; mit ihren flatternden Kleidern, wild-glühenden Gesichtern und dem aufgelösten lange Haar machen sie einen fast unheimlichen Eindruck auf den Unbetheiligten. Zum Tanze verändern sie etwas ihr Costüm, indem sie ein leichtes schwarzes Tuch im die Hüften schlagen; diese und das reiche aufgelöste Haar macht sie den Tagalinnen täuschend ähnlich.
Ihrem Typus nach kommen die Pepo dem Bantauráng am nächsten, nur sind sie schwächer gebaut, als diese, und etwas höher in Wuchs ( das Mittel ihrer Körpergröße ist nach meinen Messungen 65 Zoll engl.) Der äußerst friedliche Gesichtsausdruck, mehr wohl noch das chinesische Costüm, mach sie auch den Chinesen nicht unähnlich. Die meisten von ihnen tragen keinen Zopf, sondern wickeln das lange stark geölt Haar um den Kopf, den sie wie alle Chinesen auf Formosa ( und in der Provinz Fu-kiang) mit einem Großen schwarzen Turban bedeckt haben. Ihre Frauen sind nicht so schön als die Frauen der Bantauráng, ihre Züge sind meistens unregelmäßig, doch stehen sie ihrem Wuchse nach im richtigen Verhältniß zu den Männern. Ihr Costüm besteht aus der kurzen Jacke der Frauen von Bantauráng, kurzen schwarzen oder dunkelblauen Beinkleidern, die gewöhnlich bis über das Knie aufgeschlagen sind, und aus dem erwähnten schwarzen Tuch, das wie bei den Bantauráng über die linke Seite herabfällt. Die Ränder der Kleider sind mit rothen weißen oder blauen Schnüren umnäht. Auf dem Kopfe tragen sie einen schwarzen Turban von oft abenteuerlicher Größe. Glasperlen, Arm- und Ohrringe sind nur mäßig im Gebrauch. Das Haar wird, wie an der Südspitze der Insel, mit einem rothen Bande umbunden und um den Kopf gewickelt. In der Ebene kleiden sie sich in die chinesische Tracht.
Im Ganzen gelten die Pepo als friedliebende, arbeitsame und heitere Menschen. Sowohl die Chinesen wie die Missionäre können nicht genug des Guten von ihnen erzählen. Letztere behaupten, daß sie auch sehr begabt seien, leicht sich neue Kenntnisse aneigneten und begierig seien, etwas Neues zu erlernen; diesem Umstande verdankt denn wohl auch die christliche Lehre den leichten Eingang, den die bei den Pepo-hwan bisher gefunden.
Weder in Kagi noch in den nördlicher gelegenen Dörfern gelang es mir einen Führer in die Berge zu bekommen. Gewalthäthigkeiten, die sich die Kalé unlängst gegen Chinesen erlaubt hatten, machten die Reise unsicher, und keiner willigte ein, mich zu begleiten. So sagte man mir nähmlich; doch wollte es mir scheinen, als ob die Mandarinen, denen meine Persönlichkeit und Pläne hinlänglich bekannt und ein Dorn im Auge waren, ihre Hand dabei Spiele hätten; denn ihrer Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit allein konnte ich es nicht zuschreiben, das ich von nun an immer einige Soldaten zur Begleitung hatte, die mit Leib und Seele zu meiner Verfügung gestellt sein sollten, aber schon den ersten Befehl nach Hause zu gehen nicht erfüllten. Allein in die Berge zu dringe was nicht möglich, da zu einer solchen Tour außer Geschenken für die Eingeborenen immer einiges Gepäck gehört, also Leute nöthig sind; außerdem hatte mich das Fieber, welches mich schon im Süden auf der Tour in Butang-Land erfaßte, von der Nutzlosigkeit eines solchen Unternehmens überführt.
Erst von Tschang-hwa aus konnte ich wider vom geraden Wege abweichen und dem Stamm Sek-hwan einen Besuch abstatten; denn derselbe, der intelligenteste und civilisierteste von allen, hatte sich unlängst freiwillig unter chinesischen Schutz gestellt, erfreute sich aber schon lange vordem der Reputation eines durchaus friedlich gesinnten, ernsten und gastfreundlichen Menschenschlages; also konnte selbst der ängstliche Mandarin mich ruhig ziehen lassen.
Die Sek-hwan leben etwas 20 Meilen nordöstlich von Tschang-hwa (unter dem Wendekreise) in dem milden Terrassen und Hügellande, mit dem das Gebirge hier beginnt. Sie habe mehrere Dörfer, welche der Bauart und Anlage nach den chinesischen gleichen und von ihren früheren Häuptlingen, jetzt Dorfmandarinen beaufsichtigt werden. In einem dieser Dörfer, Toa-sta, traf ich am 24. Februar ein und fand in dem presbyterianischen Missionshause daselbst freundliche Aufnahme. Der Dorfmandarin selbst übernahm die Sorge für meinen Tisch, und jeden Mittag und jeden Abend wurde ich in einer Art Procession zu ihm geleitet, wo ich seine gesottenen Hühner und Enten und Ferkelbraten zu vertilgen hatte. Es war nicht so leicht, sich in das ernste und ceremonielle Wesen der Sek-hwan hineinzufinden, und komisch genug, so allein und ernst dazusitzen und feierlich abgefüttert zu werden.
Die Sek-hwan weichen in Ihrem Aeußern mehr als alle anderen Stämme vom Malanischen Typus ab, so daß man sogar ihre malanische Abkunft bezweifeln könnte, wenn nicht ihre Sprache wie ihr ganzes Wesen dem widersprächen. Im reifen Manne erkennt man kaum den Malanen wieder, so scharf und energisch sind seine Gesichtszüge, so hoch sein Wuchs ( im Mittel 67 Zoll englisch; doch sind viele über 70 Zoll hoch), so kräftig sein Körperbau und hell die Hautfarbe. Der Kopf ist oval, die Stirn hoch, die Augen groß und gerade. Die Augenbrauen sind dicht, die Wimper lang; Haar und Bartwuchs wir die Behaarung des Körpers sind stärker als bei Chinesen oder anderen Malanen. Die Nase ist zwar dick, aber nicht platt; Mund und Zähne sind ungemein groß. So der reife Mann; aber Kinder, auch noch Jünglinge unter 20 Jahren, am meister aber die Frauen, lassen keine Zweifel über ihren Typus aufkommen: sie sind reine Malanen, wenn man die helle Hautfarbe und die großen, vollen Augen nicht in Betracht nimmt. Hier was es übrigens nicht das erste Mal, wo ich die Bemerkung machte, daß nach Kreuzungen die Frauen weit reiner ihren ursprünglichen Typus bewahren, als die Männer, und daß die Sek-hwan einen guten Theil fremdes Blut aufgenommen haben, kann nicht bezweifelt werden. Es gehörte nähmlich zum Colonizationssystem der Holländer, sich mit den Eingeborenen der eroberten Länder ehelich zu verbinden, um sie fester an sich zu knüpfen. Das geschah auch auf Formosa . Auf einer kleinen Insel auf der Rhede von Kelong hat sich bis heute ein Häuflein Menschen ( gewöhnlich auch Pepo-hwan genannt) erhalten,. deren Aeußeres keine Zweifel über starke Kreuzung mit der kaukasischen Race aufkommen läßt. Dasselbe läßt sich auch von den Sek-hwan vermuthen. Einige alte holländische Documente, die bei ihnen gefunden sind, ferner ihr höherer Culturzustand, den sie schon behaupteten, noch ehe sie unter chinesischem Einfluß standen, widersprechen wenigstens dieser Annahme nicht, wenn sie auch unzureichend sind, um sie zu bestätigen. Den Taback zu bauen haben sie sicher von den Holländern und nicht von Chinesen erlernt; denn er heißt in ihrer Sprache Tamako, während das chinesische Wort dafür Hun oder Tscha-hun ist. Ferner verfertigen sie aus einer Art Hanf ein fester Zeug das seiner Dauerhaftigkeit und Dichtigkeit wegen in ganz Nord-Formosa viel in Gebrauch ist, von Chinesen aber nirgends gewebt wird.
Die Sek-hwan rasiren den Vorderkopf und tragen das Haar im Zopf. Ihre Kleidung besteht aus chinesischen Beinkleidern, Schuhen und einer eng-anschließenden Bluse aus ungebleichtem Leinen, die an den Aermeln und oft auch auf dem Rücken mit Stickereien verziert ist.(horizontale Streifen in Roth, Blau und Weiß, recht geschmackvoll ausgeführt). Die Frauen tragen das chinesische Costüm; nur ist ihre Haartracht eine andere. Ein Theil der Haares wird nähmlich auf die Stirn herabgekämmt und geradlinig auf der Höhe der Augenbrauen abgeschnitten; das übrige wird am Wirbel zu einem festen Knoten gebunden. Auf dem Kopfe tragen sie ein viereckiges schwarzes Tuch, dessen zwei Zipfel am Nacken leicht zusammengefaßt sind, so daß es eine Art Haube herstellt, die das Gesicht tief beschattet.
Die Sek-hwan beschäftigen sich hauptsächlich mit Ackerbau. Außer Reis, Zucker, Areca und verschiedenen Früchten bauen sie auch Indigo, Thee und wie gesagt Taback. Außerdem gewinnen sie noch Kampfer und liefern Kampferholz nach Tschang-hwa.
Die Sek-hwan waren der letzte Stamm mit dem ich in Berührung kam. Von Toa-sia aus wäre es zwar Ein Leichtes gewesen, zu den Tsui-hwan zu kommen, welche südlicher an den Ufern eines kleine Bergsees leben und ebenfalls als ein friedliebender Stamm bezeichnet werden, doch meine Zeit erlaubte mir das nicht mehr; ich mußte nach Tamsui eilen, um nicht die seltene Gelegenheit per Dampfboot nach Hong-kong zu kommen zu verpassen.
Die Tour von Toa-sia nach Tamsui war eine Schauerliche. Schon am Abend des ersten Tages bewölkte sich der Himmel, und den nächsten Morgen begann der Regen, der mich die ganze Zeit, fünf Tage hindurch, verfolgte. Der schlüpfrige Weg, weit aus den Ufern getretene Flüsse, die zu durchwaten waren, und tausend andere Hindernisse machten die reise durch den ohnehin öden Küstenstrich von Nordwest Formosa äußerst angreifend und langweilig. Die Nachtlager waren schlecht, weder Wind noch regenfest, denn die Küstenbevölkerung lebt hier augenscheinlich in großer Armuth eine Nacht mußte ich sogar auf dem Felde in einer verfallenen Capelle zubringen, nachdem ich vorher mit Hülfe meines Regenmantels das Dach ausgebessert und das Innere derselben von Knochen und Schädeln gereinigt. Tag und Nach durchnäßt und dem kalten Wind und Regen entgegen legte ich täglich 18 bis 20 Meilen zurück, und nur dieser starker Bewegung verdanke ich es, daß ich nicht ernstlich erkrankte. Man kann sich daher denken, wie behaglich ich mich nach einer solche Tour in Twa-tu-tia in Hause der Herren Brown & Comp fühlte, deren Gastfreundschaft ich auch hier, wie in Tai-wan-fu genoß.
Twa-tu-tia ist ein Dorf einige Meilen von Tamsui flußaufwärts, in der unmittelbaren Nähe der Theepflanzungen. Die europäischen Handelshäuser in Tam-sui haben hier ihre Agenten, welche den Thee einkaufen, trocknen und einpacken. Im Frühling, während der Thee Ernte, ist es ein recht lebendiger Ort, im Winter ziehen aber die meisten Europäer den Aufenthalt in Tamsui von.
Nachdem ich mich in Twa-tu-tia ein wenig mit dem Thee betrieb bekannt gemacht, blieb mir nur so viel zeit übrig, um den Kelong Fluß hinaufzufahren und die Kohlenminen von Kelong zu besichtigen. Ich fand das Bergwerk dort noch ganz in primitivem Zustande. An einen geregelten Betrieb der Arbeit ist kein Gedanke; jeder wer arbeiten will, bohrt sich dort ein Loch, wo er Lust hat, und verwirft es ebenso nach Gutdünken. Dies ist um so leichter, da die Kohlenplaste überall an die Erdoberfläche tritt, also der Anlage von neuen Gängen keine Hindernisse entgegenstehen. Die Plaste hat eine Dicke von 25 bis 40 Zoll und fällt ab nach Süden unter einem Winkel von 15 ° bis 25°. Die Gänge gehen diagonal und sind etwa 3 bis 4 Fuß hoch und 2 bis 3 Fuß breit, so das nicht über zwei Mann in einem Karren die Kohlen an die Oberfläche, von wo sie in kleinen Barken nach Kelong gebracht werden. Die chinesische Regierung hatte die Absicht, den Kohlenbetrieb von Kelong zu heben, doch nach der Meinung eines englischen Ingenieurs, der zu diesem Behufe hergeschickt war, ist die Plaste zu klein, um die ausgaben für Maschinerien und eine Eisenbahn, die von den Minen an den Hafen führen sollte, zu decken. Anders würde die Sache liegen, wenn in der Nachbarschaft mehr Kohlen ausfindig gemach werden. Die Kohlen von Kelong sing gut, geben bloß 10 Prozent Schlacke und kosten pro Tonne nur 4 bis 5 Dollars. Aus Kelong ging ich am 7. März auf einem chinesischen Kanonenboot nach Tam-sui, wo ich mich denselben Abend nach Hong-kong einschiffte.
Somit endete meine Reise durch Formosa und meine Bekanntschaft mit ihren Eingeborenen; für Reisende aber und Naturforscher bleibt da noch viel zu thun, viel in jedem Zweige der Naturwissenschaft. Denn das eigentliche Centrum der Insel, das Hochgebirge, ist noch unerforscht und wird es wohl noch lange bleiben, da Dilettanten, wie ich und manche andere, die bisher Formosa durchreisten weder die Zeit noch die gehörigen Kenntnisse besitzen, um mit großem Erfolg diese Partie der Insel erforschen zu können. Das hier Berichtete- wenig genug, doch alles was sich in zwei Monaten thun ließ- hat daher nur den Zweck, die Aufmerksamkeit wissenschaftlich gebildeter Reisender auf diesen so schönen und wenig berührten Winkel Ostasiens zu richten. Zugleich würde ich rathen nicht aus dem Westen ins Innere vorzudringen, sondern die Reise von der Ostküste der Insel zu beginnen- etwa von Sau-o-Ban oder Pilam aus.-, um nicht mit der chinesischen Regierung in Berührung zu kommen. Ferner Muß man nicht Chinesen zu Begleitern und Packträgern haben; ihre Feigheit kann vieles verderben; Sicherer ist man um Vieles in den Händen der Eingeborenen.
Nach dem, was ich von den Eingeborenen Formosas sah, bin ich zur Ueberzeugung gekommen, daß man es hier zwar mit Abkömmlingen von Tagalen, nicht aber mit einem bestimmten Zweige der großen Tagala-Familie zu thun hat[8]. Sprachlich hat das Letzte wohl seine Richtigkeit, aber wir sehen es ja an den Pepo-hwan, wie leicht ein Stamm seine eigene Sprache vergessen und eine fremde sich aneignen kann; wenn daher die Dialekte Formosas nur einander und mit dem Tagalischen nahe verwandt sind, so ist damit noch nicht gesagt, das die Insel ausschließlich von Luzon aus bevölkert ist. Die nahe Lage Formosas bei den Philippinen, die herrschenden Winde und Strömungen, ferner eine Kette kleiner Inseln, welche Formosa an Luzon verbindet, alles das läßt zwar annehmen, daß die meisten Stämme von den Philippinen herstammen, doch können hier auch Prahus von Borneo, von den Sulu-Inseln oder Karolinen angelangt sein, wir unlängst ein Katamaran mit etwa 30 Palau-Insulanern bei Kelong ausgeworfen wurde. Aus solchen zufällig hierher verschlagenen Familien entstanden mit der Zeit besondere Stämme, und wo sie sich mit späteren oder früheren Ankömmlingen vermischten, bildeten sich wieder neue Stammtypen aus; giebt man dabei noch zu, daß im Innern Formosas ehedem wirklich ein Papuastamm lebte, der theils in Kriegen ausgerottet wurde, theils sich auch mit den Malanen vermischte und so aufging, so ist es kein Wunder, daß wir auf Formosa so viele Stammtypen von der verschiedenartigsten Hautfarbe vorfinden, die sich bei dem äußsers mangelhaften gegenseitigen Verkehr bis jetzt erhalten haben. Das ist meine Ansicht über sie Abkunft der malanischen Bevölkerung Formosas; sie zu verwerfen oder zu bestätigen ist Sache künftiger Forscher, die besser vorbereitet und mit mehr Zeit zu Werke gehen können als ich.
Schließlich bemerke ich noch, daß die Eingeborenen von Formosa weder im Aussterben, noch überhaupt in Abnahme begriffen sein können, etwa an der Südspitze ausgenommen, wo die unaufhörlichen blutigen Kriege zu solcher Vermuthung Anlaß geben. Sie sind körperlich und geistig ein noch unverdorbenes Volk. Spuren von verheerenden Krankheiten, wie der Syphilis und den Pocken habe ich nirgends gesehen. Da ihre Ehen früh genug geschlossen werden, so kann von geschlechtlichen Ausschweifungen auch nicht die Rede sein, was denn auch durch die große Anzahl von Kindern, die man in jedem Hause sieht, bestätigt wird. Rüstige Greise von sechzig und mehr Jahren, die den Mund voll Zähne haben, sind keine. Seltenheit, und krankhaft, sieche Personen sind mir gar nicht zu Gesicht gekommen. Also kann sie das Schicksal der Tasmanier oder Neuseeländer schwerlich erreichen, auch wenn sie einmal unter chinesische Herrschaft gerathen und die chinesische Civilisation annehmen; denn die chinesische Civilisation hat zum Glück nicht die Eigenschaft, Völker auszurotten.
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Chapter I.
I.I- Skizze von Formosa- scala 1:3,000,000)
B.=Butang
Bd.=Bakurút
S.=Saprêk
Sb=Sabari
T.=Tuasok
Ts.=Tschinakei
W.=Whang-tschut.
III.I-Dorf der Saprêk
III.II-Alter Saprêk , Quajan
III.III-Alter Pilám
Chapter IV.
IV.I-
Weapons and Tools of
a,b,c,d-Gefäße aus Kürbiß
e- Blasé mit Samshu
f-Eßstäbchen
g-Löffel aus einer Muschel
h,i-Trinkgefäße aus Bambus
k-Speere
l-Jagd Messer
m-Bogen
n-Köcher
o-Pfeile
p-Luntenflinte
q-Patronen
r-Pulverhörnchen für die Pfannes
s-Lunte
t-Patronennetz
IV.II-Sabari Mann
Chapter V.
V.I-Mädchen aus dem Stamm Katsausán
Chapter VI.
VI.I-Ein Pepo Tempel
VI.II-Pepo Knabe, Pepo-Frau
VI.III-Frauen aus dem Stamme Sek-hwan
[1] S. die Abbildung von Ta-Kao
"Globus" XXIX, S.309
[2] Bergl. "Globus" XXIX, Nr. 20 S. 308
[3] Nach F. Ratzel, Die chinesische
Auswanderung S. 121, wäre Formosa vor dem siebzehnten Jahrhundert von China aus
nur durch Seeräuber und Schiffbrüchige besucht worden. Red.
[4] Nach F.K. Ravenstein (Geogr. Magazine,
October 1874) ein eigener District Red.
[5] Siehe die Abbildung desselben
"Globus" XXIX N.21, S. 322
[6] Ganz neuerdings sind die Baracken der chinesischen Truppen auf Formosa (es sind wohl die im Süden gemeint) von den Wilden niedergebrannt worden (f. L'exploration, Nouvelles 8, p. 93), so daß die Ruhe nicht lange gewährt hat. Red.
[7] Die Japanesen hatten in Hong-kong einen
Vorposten. Nach ihrem Abzug wurde das
Lager mit 500 Mann chinesischer Soldaten besetzt und ausgebessert.
[8] Vergl. Dazu Guerin: Vocabulaire du
dialecte Tayal ou aborigene d l’ile Formosa (Bulletin de la Soc. Geogr. De
Paris 1868, Novbr. Et Decbr., p. 466)
und Abbe Favre eben das S. 495,
Anderer Ansicht über die sprachliche und ethnische Verwandtschaft der
„Chinwan“ auf Formosa ist Schetelig (f. Becher, Völkerkunde, s.377), wonach
diese „rohem Wilden“ nur den sechsten Theil ihres Wortschatzes von ihren
malanischen Nachbarn entlehnt haben, sonst aber durch ihre Sprache sich von
ihnen trennen und der Bevölkerung des nahe gelegenen chinesischen Festlandes
körperlich her nahe stellen sollen. Red.