Auf Formosa
Ethnographische Wanderungen von Paul Ibis
I.
Geographischer
Ueberblick der Insel: Lage- Geologischer Bau.- Erdbeben- Küsten und Buchten-
Flüsse.- Klima.-Flora und Fauna.- Die Erzeugnisse der Insel.- Ihre Bevölkerung.
Im
Anfange des Jahres 1875 lag S.K. Russischen Majestät Corvette
"Ustold", längere Zeit in Hong-kong vor Anker, und da der Dienst auf
dem Schiffe meine Persönlichkeit leicht entbehren konnte, so benutzte ich die
Monate Januar und Februar zu einer Reise durch die Insel Formosa, für welche,
oder vielmehr für deren Eingeborenen mir die Japanische Expedition ein
bedeutendes Interesse eingeflößt hatte.
Zweck dieser Reise war: erstens, wo möglich besser mit diesem so arg
verschrienen Volke und seinem Zustande bekannt zu werden und seine
Nationalität, über die ich oft Zweifel erheben gehört, festzustellen , und
zweitens die Lösung der Frage, ob im Innern Formosas eine dunkle Race, ein
Papua-Stamm existiert, wie Fr. Müller in seiner Ethnographie (Novara- Reise)
angegeben, oder nicht.
Der
Zeitraum, in welchem meine Reise fiel, konnte kein günstigerer sein: die
Japanesen hatten soeben Formosa geräumt; auf der Insel herrschte daher volle
Ruhe, und die chinesische Regierung, welche vertragsmäßig die
Verantwortlichkeit für das Treiben der Eingeborenen übernommen, baute,
wenigstens in der ersten Zeit fest auf eine längere Dauer derselben, und das
mit Recht; denn ihre friedlichen Unterhandlungen mit den Häuptlingen
verschiedener Stämme versprachen den besten Erfolg. Seitens der Eingeborenen selbst war keine
Gefahr zu befürchten; im Süden litten sie noch zu sehr unter den Eindruck der
Schrecken, die die japanischen Waffen über sie verhängt, um neue Frevel an
Fremden zu begehen; in den anderen Theilen der Insel aber erfreuen sie sich
eines etwas bessern Rufes, als ihre Stammverwandten im Süden. Ferner sind Januar und Februar gerade die
schönsten Monate auf Formosa- trocken und nicht heiß - so daß manche
natürlichen Hindernisse, wie schlüpfrige Pfade, übergetretene Ströme und
Fieberanfälle, ganz aus der Zahl der zu überstehende Schwierigkeiten wegfielen.
Mit
Tasterzirkel, Meterstab und Notizbüchern versehen und so wenig als irgend
möglich Gepäck mit mir führend, durchschritt ich die Insel von Süd nach
Nord. So oft es Umstände und Zeit
zuließen, machte ich Abstecher zur Seite, um die Eingeborene in ihren
Territorien aufzusuchen, von denen ich meist freundlich empfangen wurde. Aus dieser Weise kam ich mit dreizehn Stämmen
in Berührung, maß sie, zeichnete sie, beobachtete ihre Sitten und Gebräuche und
sammelte Wörter aus ihren sprachen, kurz ich hatte die Genugthuung, meinen
Zweck zu erreichen.
Doch
ehe ich an den eigentlichen Gegenstand dieser Arbeit "die Eingeborenen
Formosas", herantrete, will ich einen Blick auf die Insel selbst und ihren
Chinesischen Theil werfen, um desto klarer dann ihre Ethnographie behandeln zu
können.
Formosa
erstreckt sich von 21° 55' bis zu 25°18.5' nördl. Br. und von 120° 8' bis 122°
östl. L. v. Gr. Es mißt über 200
Seemeilen in der Länge und 75 Meilen an der breitesten Stelle und nimmt einen
Flächenraum von etwa 1060 georaph. Quadratmeilen ein. Obgleich nur 80 bis 100 Seemeilen vom
Festlande entfernt, unterscheidet es sich doch wesentlich von demselben, sowohl
dem geologischen Baue nach, wie in seiner Fauna und Flora; viel eher läßt es
sich den Philippinen anreihen. Denn wie
diese, so ist auch die Insel Formosa rein vulkanischen Ursprungs. Ihren eigentlichen Kern bildet eine scharfe
Gebirgskette mit Gipfeln von 11,000 bis 12,000 Fuß Höhe, die sich bei einer
Kammhöhe von etwa 8000 Fuß in nordnordöstlicher Richtung durch 115 Meilen
hinzieht (22°34' bis 24°25' nördl. Br. und von 120°4' bis 121°15' östl. L.),
eine strenge Wasserscheide bildend, dann nach Süden zu schnell an Höhe abnimmt,
im Norden aber eine ebenso hohe, nur 15 Meilen lange Querkette(Dodds-range)
stößt und in einem verworrenen Gebirgsknoten endigt. Diese Hauptkette besteht aus Schiefer, dessen
Schichten steil nach Osten abfallen.
Ihr
Parallel laufen westlich einige verhältnißmäßig niedrige Ketten aus
sedimentären Schieferarten, mit einem weit geringeren Schichtenfall; diese
nehmen die eigentliche Mitte der Insel ein.
Dann folgen Terassen aus Lehm und Sandschichten mit einer kaum
merklichen Neigung nach Osten, und endlich die Ebene, welche fast den dritten
Theil der Insel, ihre Westseite, einnimmt; nur langsam sich zur See hinneigend,
bildet sie eine seichte, bloß an wenigen Stellen zugängliche Küste.
Beachtenswerth
und erklärend für die Bildung der Westseite Formosas sind jene mächtigen
Korallenblöcke, die sich an der Südwestseite vorfinden, nicht allein
unmittelbar am Meere, sondern auch in einiger Entfernung von demselben. Die Größten von ihnen sind: der Ape Hill bei
Ta-kao, eine atollähnliche Korallenmasse von 1110 Fuß Höhe, dann der Saddle
Hill zwischen Ta-kao und Tang-kang, der 468 Fuß erreicht, und einige Berge bei
Long-kiau an der Südspitze die auch nicht viel niedriger sein mögen. Kleinere Blöcke oder einige Fuß über das
Wasser erhobene Korallenriffe sieht man viel.
Oestlich von der Hauptkette scheint das Land
durchaus rauh und gebirgig zu sein, und allem Anscheine nach laufen auch dort
die Bergketten parallel der Wasserscheide.
Das Ufer erhebt sich meist direkt aus dem Meere bis zu einigen tausend Fuß
Höhe. Der Norden der Insel ist mit wenigen
Ausnahmen auch bergig. Die Ketten liegen
hier Parallel dem Dobbs-Range und nehmen nach Norden zu an Höhe ab. An der Küste bestehen sie aus Sandstein,
dessen Schichten nach Süden fallen. Bei
Kelong enthalten sie Kohlen. Zwischen
Tamsui und Kelong, also im äußersten Norden sind einige Vulkane, die Tatun Gruppe genannt, deren Höchster Punkt gegen
4000 Fuß über dem Meere liegt. Aus der
dortigen Solfataren wird in letzter zeit mit Erfolg Schwefel gewonnen. Andere Vulkane soll es auf der Insel nicht
geben. Einige Petroleumquellen im Dodds
Range sind hier noch zu erwähnen
.
Das
Südende der Insel, d.i. jener zu einer halbinselförmigen Spitze zusammen
laufende Theil derselben südlich von 22¼° nördl. Br., ist zwar kein hohes aber
ein rauhes und zerrissenes Bergland, das meist unmittelbar aus dem Meere
emporsteigt. Die kurzen Bergketten
bestehen an Strande aus Sandstein, im Inneren aus Schiefer, und die Schichten
fallen überall steil nach Osten.
Kohlenlager habe ich nirgends bemerkt.
Am westlichen Ufer erkennt man stellenweise einige terrassenartig über
einander liegende Strandlinien, von denen die Obersten schon mit Gras und
Gestrüpp bedeckt sind. Es läßt sich
daher schließen daß dieses Ufer noch jetzt im Stiegen begriffen ist, was man
auch nördlicher bei Tai-wan-fu bemerkt hat; Zelandia nämlich, daß zur Zeit
seiner Erbauung durch die Holländer, also vor 200 Jahren, hart am Meere stand,
liegt jetzt eine halbe Meile landeinwärts, und der Frühere Hafen von Tai-wan-fu
existiert nicht mehr.
Erdbeben
sind auf Formosa häufig, doch selten stark genug um irgend welchen Schaden
anzurichten. Die zwei Erdbeben, die ich
während meines Aufenthalts auf der Insel verspürte, äußerten sich in einigen
leichten, schnell an einander folgenden Stößen, ohne von einem unterirdischen
Getöse begleitet zu sein.
Die Küsten Formosas sind arm an
Buchten. An der Westseite hat nur Ta-Kao
(22°37' Nörd. Br.) einen guten, leider
aber zu kleinen Hafen. Derselbe wird
durch ein langes über das Wasser erhobenes Korallenriff gebildet, daß sich
parallel der Küste hinzieht, und früher wahrscheinlich mit dem Ape Hill
zusammenhing, jetzt aber von diesem durch eine 11 Fuß Tiefe, und gegen 300 Fuß
breite Durchfahrt getrennt ist. Daß
solcher weise von der See abgeschnittene Becken mißt gegen sechs Meilen in der
Länge, und gegen eine Meile in der Breite, hat aber nur in seinem nördlichen
Theil, wo es einen kleinen Fluß aufnimmt, Wasser genug für Schiffe. Durch den Ape Hill und das ziemlich hohe Riff
gegen die herrschenden Winde geschützt, ist Ta-Kao zu jeder Jahreszeit ein
sicherer Ankerplatz.[1] Die Rhede von Tai-wan-fu ist vollkommen offen und unsicher; die Schiffe
ankern da weit vom Ufer und die Landung kann nur auf Flößen bewerkstelligt
werden weil der Strand selbst für Bote zu seicht ist. An der Ostküste der Insel sind zwei kleine
Buchten, welche nach Aussage einiger Mandarinen sich leicht und ohne bedeutende
Kosten in gute Häfen umwandeln ließen.
Es sind: Sau-o-ban (24° 25.5' Nördl Br.) und Tschok-e-dan (24°7' nördl
Br.). Im Norden der Insel ist die tief
in die Berge eingeschnittene und gegen alle Winde gedeckte Bucht von Kelong
(25°9' nördl. Br.) ein in jeder Hinsicht vortrefflicher Ankerplatz für Schiffe
von mittlerer Tiefe; doch hat sie bis jetzt wenig Bedeutung für den Handel, da das
dortige Kohlenbergwerk in einer zu primitiven Weise betrieben wird, um viel für
den Export bieten zu können; für die Ausfuhr der übrigen Producte des Nordens
aber, wie Thee, Kampfer und Indigo, liegt Tamsui weit bequemer. Dieser Hafen, oder besser die Mündung des
Tamsui-Flusses giebt der Bucht von Kelong in nichts nach, nur liegt an der
Einfahrt eine Barre, welche bei der Ebbe nicht mehr als 7 Fuß Wasser hat (bei
der Fluth indeß bis 21 Fuß). Im Südwesten der Insel eignet sich die Bucht von
Long-Kiau (22° 7' nördl Br.) während des Nordost- Monsuns als Ankerplatz.
Von
Flüssen sind nur zwei für die Insel von Bedeutung: der Tamsui-Fluß im Norden
und der Tang-kang Fluß im Südwesten. Der
Erste der sich in der Breite von 25° 11' ins Meer ergießt, besteht aus zwei
Armen- dem Toka-ham und Sam-quai, die sich etwa 10 Meilen vor der Mündung
vereinigten und dann noch die Wasser des Kelong Flusses annehmen. Beide Arme sind 30 bis 40 Meilen in ihrem
Laufe für Boote schiffbar, daher wichtig für den Handel, besonders für den
Kampferhandel, dessen Hauptquelle in den Bergen liegt, aus denen sie ihren
Ursprung nehmen. Der Tang-kang Fluß
entspringt aus dem Gebirge Mittel Formosas und zwar auch in zwei Armen, welche,
durch eine Bergkette getrennt, parallel nach Süden der Ebene zufließen. Unter
23° nördl Br, wo ich beide Arme im mittlern Laufe durchschritt, waren sie schon
bedeutende Ströme und trotz der trockenen Jahreszeit für Boote befahrbar; ihre
Quellen muß man daher wenigstens 30 bis 40 Meilen nördlicher suchen. In der Ebene vereinigen sie sich und noch
einige Nebenflüsse aufnehmend, bilden sie einen breiten, leider aber seichten
Strom, der sich bei der Stadt Tang-kang (22° 28' nördl Br.) in die See
ergießt. Während der Regenzeit tritt der
Tang-kang Fluß aus seinen Ufern und überschwemmt in der Ebene einen Streifen
Land von 4 bis 5 Meilen Breite, der durch die alljährlich hinterlassenen
Sandmassen in eine Wüste verwandelt ist.
Da diese Sandmassen zugleich das Flußbett verstopfen, so dehnt sich der
Fluß mit seinen Ueberschwemmungen immer mehr und mehr in die Breite aus,
wodurch in Tang-Kang, daß hart am linken Ufer liegt, in jedem Jahr eine
Häuserreihe weggespült wird. Die übrigen
Flüsse der Insel sind bedeutungslos für den Handel; es sind meist Bergströme,
die im Winter fast austrocknen, während der Regenzeit aber schnell und hoch
anschwellen und jeden Verkehr hemmen.
Das
Klima Formosas ist bis zu 24° nördl Br. tropisch. Es giebt hier nur zwei
Jahreszeiten, eine nasse und eine trockene.
Die erste beginnt im Mai mit dem Südwest- Monsun und endigt im September
mit Eintritt des Nordost Monsuns. Sie
bringt bei starker Hitze ungeheure Regenmassen, die sich in periodischen Güssen
jeden Nachmittag entladen. Im Juli ist der Regen im Maximum seiner Mächtigkeit,
worauf er an Stärke allmählich nachläßt.
Vom September bis April währt die trockene Jahreszeit; es fällt dann
buchstäblich kein Tropfen Regen, selbst keine Wolke trübt den Himmel, und die
Hitze ist, bis März wenigstens, eine sehr erträgliche. Nördlich von 24° nördl. Br. hört diese
Regelmäßigkeit auf. Dort bringt im Gegentheil der Winter viel Regen, während
der Sommer verhältnismäßig trocken genannt werden kann. Man hat mir gesagt das
es in Tamsui während der Wintermonate oft wochenlang ohne Unterbrechung regne
und die Sonne Monate hindurch nicht zu sehen sei, was durchaus nicht
unwahrscheinlich klingt, wenn man bedenkt das es eben Nord-Formosa ist, welches
während der Dauer des Nordost-Monsuns seine dichten Nebel über die ganze
Formosa Straße ausdehnt.
In
Folge dieser reichen Niederschläge ist die Vegetation auf Formosa eine sehr
üppige; die gebirgigen Theile der Insel sind im Süden mit undurchdringlichem Dschungel bedeckt,
einem phantastisch von Lianen durchwobenen Wirrwarr der mannigfachsten
Baumarten, riesiger Farren und Farrenbäume.
Im Norden dehnen sich mächtige Kampferwälder aus, die kaum irgendwo
ihres gleichen haben. Die ebene ist
einer der Fruchtbarsten und cultiviertesten Landstriche, die ich je gesehen:
Weizen, Mais Reis und Zucker geben hier reiche Ernten; Ananas, Bananen, Ingwer,
Mango Orangen, und Citronen, kurz die meisten tropische und subtropischen
Früchte gedeihen vortrefflich; der Bambus schießt zu einer Höhe von 80 bis 90
Fuß empor und die zierliche Arecapalme wächst hier nicht minder üppig als auf
den Sund-Inseln; die Kokospalme fehlt aber.
Auch
die Fauna Formosas scheint reich zu sein und soll einige selbständige Arten
haben, z.B. einen formosanischen Hirsch, ein Schuppenthier und einen
Fasan. Schlangen und giftige Insekten
sind schwach vertreten. Letztere erscheinen nur während der Regenzeit. Fledermäuse und fliegende Hunde scheint es in
vielen Arten zu geben. An Fischen ist
besonders die Westküste reich. Eingeführt sind aus China: der Büffel, wie es
scheint auch das Schwein und der Hund. Das
Pferd fehlt ganz.
Die
Producte welche Formosa dem Handel liefert, sind bis jetzt Zucker, Thee, Reis,
Früchte und Gemüse, Indigo, Kampfer, Oel, Hanf, Thierhäute und Hörner, Fisch,
Sesam, Gelbwurz, Seegras und Agar-Agar, verschiedene Holzarten (besonders
harte-hard wood) und Steinkohlen. Die
Ausfuhr beläuft sich auf 2,000,000 Tael, die Einfuhr auf etwa 1,750,000 Tael (2
Tael=6 2/3 Thaler); beides ist im Steigen begriffen[2]
Formosa
ist von zwei verschiedenen Menschenracen bevölkert: von Chinesen und Malanen. Die ersten, die bei Weitem zahlreicheren,
sind Einwanderer (meist aus der Gegenüberliegenden Provinz Fu-kiang). Sie nehmen die Ebene, Westseite der Insel und
ihren Norden ein. Die letzeren, etwa
150,000 bis 200,000 Köpfe, sind die bei Weitem älteren Bewohner der Insel und
können daher als Eingeborene betrachtet werden.
Sie leben in kleinen unabhängigen Stämmen in den gebirgigen Theilen der
Insel, behaupten also deren Ostseite und Südspitze. Zwischen diesen freien Eingeborenen, von den
Chinesen "Ka-té" (Die Wilden) genannt, und den Chinesen leben einige
halbcivilisirte Stämme, die mehr oder minder von der chinesischen Regierung
abhängig geworden sind.
Eine
Papua Race, oder eine ihr nahe stehende existiert nicht im Innern Formosas;
weder die Chinesen noch die Eingeborenen selbst wissen etwas von ihr. Wahrscheinlich hat man die häßlichen und
dunkler als andere Stämme gefärbten Bewohner der Südspitze für diese
angesehen. Möglich aber, das die Malanen
bei der Besitznahme der Insel ein anderes, dunkles Volk hier vorfanden, theils
es in Kriegen ausrotteten, theils sich auch mit ihm vermischte, wodurch die
zahllosen Stämme und fast ebenso viele Stammtypen entstehen konnten, die sich
besonders in der hellern oder dunklern Hautfarbe von einander unterscheiden.
Auf
Formosa
Ethnographische
Wanderungen von Paul Ibis
II.
Die
Chinesischen Besitzungen auf Formosa: Die Colonisation Formosas durch Chinesen
im 15. Jahrhundert.- Die Holländer auf Formosa.- Coxinga und die Eroberung von
Tai-wan-fu.- Eintheilung der chinesischen Besitzungen in fünf Präfecturen.- Die
Städte-Tai-wan-fu- Die Administration der Insel.- Die Chinesische Truppenmacht
auf Formosa- Der Anfang und Verlauf der Unruhen in Süd Formosa im Jahre
1875.-Die Stellung der chinesischen Regierung zu den Eingeborenen: Ihr
Verhältniß zu denselben vor und nach der japanischen
Expedition.-Unterhandlungen mit den Stammältesten.- Straßenbau durch das
Gebirge.- Die Christlichen Missionäre auf Formosa
Als
im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts[3]
die ersten Chinesen sich an der Westküste Formosas niederließen, fanden sie in
den eingeborenen ein gutes Volk vor, das ihnen gern Land überließ und mit ihnen
in einen regen Handelsverkehr trat. Doch
waren die freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Theilen von keiner
Dauer: der allzugroße Zufluß der Fremden, ihre Habsucht, und ihr anmaßendes
Wesen riefen bald Zwistigkeiten hervor, welche den Grund legten zu der
erbitterten Racenfeindschaft, die bis heute währt. In Folge dieser Zwistigkeiten, die nicht
selten in blutige Kämpfe ausarteten, zögerte die chinesische Regierung lange
die Insel als Colonie anzuerkennen; daher hatte sie auch wenig Bedenken,
Formosa den Holländern für die Räumung der Pescadores Inseln anzubieten, als
diese im Jahre 1622 die genannte Gruppe plötzlich besetzten und zu befestigen
anfingen. Die Holländer gingen auf diesen Tausch ein und landeten 1624 bei
Tai-wan-fu, wo sie sofort zum Bau des starken Fort Zelandia schritten. Nach
Verlauf von zehn Jahren hatten sie sich auch in Takao, Tamsui, und Kelong
befestigt, waren also die Herren der ganzen West und Nord Küste. Mit den Malanen standen sie auf besserm Fuße
als die Chinesen; sie führten unter ihnen die Gesetze des Mutterlandes ein,
gründeten Schulen, predigten ihnen das Christenthum, und um sie womöglich
fester an sich zu knüpfen, verheiratheten sie sich größtentheils mit
eingeborenen Frauen. Gegen die
chinesischen Einwanderer indeß, die in besonders großer Anzahl nach Formosa
strömten, beobachteten die Holländer eine feindselige Politik, aus Furcht von
ihnen verdrängt zu werden.
Während
der Verwirrungen der welche der Sturz der Ming-Dynastie und der Uebergang des
Thrones an die Manschu in China hervorrief, erklärten sich in entlegenen
Theilen des Reiches manche populäre Statthalter für unabhängig. Das that auch der Statthalter von Amon,
Tschin-tschin-kung oder Coxinga, ein muthiger energischer Mann, den man ich
weiß nicht aus welchem Grunde, den "Seeräuber Coxinga" nennt. In richtiger Erkenntniß, das er sich auf dem
Festlande nicht lange gegen die Manschu würde halten können, richtete er seine
Aufmerksamkeit auf Formosa, das ihm aus seinen Handelsbeziehungen zu den
Holländern gut genug bekannt war. Auch sagt man, daß seine Mutter eine
Formosanerin gewesen sei. Nachdem er sich im Geheimen des Beistanden der auf
Formosa ansässigen Chinesen versichert, landete er mit 25,000 Mann bei
Tai-wan-fu, blockierte den Hafen und belagerte die Stadt. Nach einer neunmonatlichen Belagerung,
während welcher die Holländer alle möglichen Entbehrungen zu erdulden hatten,
ergab sich die Stadt, und Coxinga erklärte sich zum König von Formosa
(1662). Nach seinem Tode, der bald
darauf erfolgte, behauptete die Insel noch einige Zeit ihre Unabhängigkeit, und
erst im Jahre 1683 trat sie freiwillig unter die Botmäßigkeit Chinas.
Seitdem ist Formosa oder
richtiger West und Nordformosa dem chinesischen Reiche einverleibt. Die Malanen sind mit geringer Ausnahme aus
der Ebene verschwunden- theils mögen sie ausgestorben sein, theils sich in die Berge
zurückgezogen haben, wo die chinesische Autorität nicht weit geht. Die Ebene
ernährt jetzt eine Bevölkerung, so dicht wie die der reichsten Provinzen
Chinas, und hat eine Bodencultur wie sie nicht sorgfältiger gedacht werden
kann; denn jeder Fleck ist bebaut.
Städte, die über 10,000 Einwohner haben, sind zahlreich, und blühende Dörfer mit mehr als
1000 Seelen liegen hart an einander.
Nimmt man für die chinesische Bevölkerung Formosa die Zahl von 3
Millionen an, so ist das meiner Ansicht nach nicht hoch gegriffen; chinesische
Angaben taxiren sie auf mehr also 10 Millionen, was jedoch stark übertrieben
ist.
Die chinesischen
Besitzungen auf Formosa sind in fünf Präfecturen eingetheilt. Es sind im Norden
Tamsui mit der Hauptstadt Töck-tscham (mit etwa 20,000 Einw.) , Eine reiche
Gegend, wo in letzter Zeit besonders der Theebau grossen Aufschwung nimmt. Zu
ihr zählt auch das unlängst von Chinesen colonierte Thal Kamolan-ting[4]
an der Ostküste, das sich nach Süden bis zur Sau-o-ban ausdehnt.
Dann folgen in der Ebene
Tschang-hwa-hien mit der Stadt Tschang-hwa (gegen 15,000 Einw.) Kagi-hien mit
Kagi (10,000 bis 15,000 Einw.) und Tai-wan-hien mit Tai-wan-fu, der Hauptstadt
der Insel (75,000 Einw.). Die letzte begreift in sich auch das Bergland
Mittelformosas, das Gebiet der Pepo-Hwan, eines civilisirten
Malanenstammes. In allen dreien ist der
Zuckerbau in Blühe.
Die südliche Präfectur
ist Fung-shan-hien mit der Hauptstadt Pitau (15,000 Einw.), der fruchtbarste
und wie es schien, am stärksten bevölkerte Theil der Insel; auch hier wird
neben Areca und Reis viel Zucker gebaut.
Zu Fung-shan-hien zählt jetzt auch Long-kiau an der Südspitze, eine
unruhige Gegend, welche vor der japanischen Expedition zwar von den Chinesen
bewohnt, nicht aber von der Regierung als ihre Besitzung anerkannt wurde. Der
mit den Japanern geschlossene Vertrag verpflichtete sie indeß, den Ort zu
befestigen, um die umwohnenden Stämme der Eingeborenen in Ruhe zu halten. Mit
der Besitznahme von Long-kiau (am 24. Dezember 1874) wurden zugleich einige
Fischerdörfer nördlicher am Strande befestigt, welche früher ebenfalls nicht
unter Controlle der Regierung standen.
Dadurch sollte eine sichere Landverbindung zwischen der Südspitze und der Ebene durch
das Territorium der Eingeborenen hergestellt werden. Ferner werden Tang-kang,
Takao und Tai-wan-fu befestigt um auch gegen Feinde von außen wie es im Jahre
1874 die Japanern waren, geschützt zu sein; nördlich von Tai-wan-fu ist das
überflüssig, da die ganze Küste zu seicht ist, um mit Schiffen auf Schußweite
heranzukommen.
Die genannten Städte
sind alle Fu, d.h. befestigt(mit einer Mauer von enormer Dicke umgeben). Außer
Tai-wan-fu, der Hauptstadt der Insel, verdient keine von ihnen näher
beschrieben zu werden; es sind gewöhnliche chinesische Städte mit kleinen leichten,
dem Klima angepaßten Häusern, mit engen nicht gerade reinlichen Straßen, deren
einen auf ein Haar den andern gleicht, und mit dem so oft beschriebenen bunten
betäubenden Leben in ihnen, das nur einen Fremdling interessiren kann, einen in
China bewanderten aber mächtig hinaus ins Freie oder in sein armseliges Logis
treibt. Die Gasthäuser in diesen Städten
sind zugleich Opiumhäuser- ekelerregende Höhlen.
In Tai-wan-fu kann man
sich schon einen Tag aufhalten, ohne von Langeweile belästigt zu werden, aber
auch nicht länger. Unter ihren wenigen Sehenswürdigkeiten steht in erster Linie
die Ruine des mächtigen Forts Zelandia[5] die zwei Meilen außserhalb der Stadt in der
Nachbarschaft des Hafenplatzes An-ping liegt.
Es ist ein Stück solider auf Jahrhunderte berechneter Arbeit, wie all
die holländischen Bauten auf Formosa (denn auch in Takau, Tamsui, und Kelong
haben sich einige holländische Gebäude in einem mehr oder minder guten Zustande
erhalten, wie z.B. das jetzige englische Consulat in Tamsui). Leider ließ die
chinesische Regierung im vorigen Jahre einen bedeutenden Theil von Zelandia
niederreißen, um aus dem äußerst festen Material zwei neue Forts zu erbauen,
was dem Gesammteindruck der Ruine großen
Einbruch thut. Mitten in der Stadt stehen ferner die Ueberreste einer
kleinen holländischen Burg, welche zu entfernen viel zu schwer und theuer ist, um je unternommen zu werden; die
praktischen Chinesen haben daher einige Gewölbe in ihr in Wohnungen, andere in
Schweineställe verwandelt. Die Tempel in
Tai-wan-fu sind kaum der Besichtigung werth; sie zeichnen sich weder durch
Reichthum noch in architektonischer Hinsicht
besonders aus uns sind recht unreinlich. Die meisten Tempel sind dem
Confucius geweiht, dessen Lehre die herrschende auf Formosa ist. Die Stadt selbst nimmt einen bedeutenden
Flächenraum ein; die Mauer , welch sie umgibt, mißt 4 Meilen im Umfange und hat
acht Thore, deren jedes einen hohen Wartthurm trägt. Die Straßen sind nur 8 bis 10 Fuß breit, geradlinig,
mit Ziegeln gepflastert und was das Seltenste in einer chinesischen Stadt, sie
werden rein gehalten. Größere Handelsstraßen sind oben mit Bretterschirmen
zugedeckt; in diese Schirme sind stellenweise Perlmutterscheiben eingesetzt, so
daß die Straßen am Tage hinreichend erleuchtet sind. Der Beleuchtung bei Nacht läßt nichts zu
wünschen übrig: unzählige Papierlaternen, die in und vor den Buden dicht neben
einander brennen, verbreiten ein sanftes dem Auge wohlthuendes Licht und geben
der Straße mit der in ihr wogenden Menschenmasse ein recht phantastisches
Aussehen. Um 8 Uhr Abends ist Torschluß,
und etwas später werden auch die einzelnen Straßen- größere sogar auf mehreren
Stellen- durch Bambuspforten gesperrt, eine Praktische Maßregel der Polizei, die
in allen größeren Städten Chinas existirt.
An die West und
Südwestseite der Stadtmauer lehnt sich eine große Vorstadt mit breiteren
Straßen und besseren Häusern als innerhalb der Mauer. Es ist das von den
reicheren Kaufleuten bewohnte Viertel, während in der Stadt selbst wesentlich
Kleinhändler und Handwerker leben. Unter
letzteren sind besonders viel Silberarbeiter, sie sich durch ihre solide und
billige Arbeit einen guten Ruf in ganz China erworben haben; doch können sie
sich nicht mit den Silberarbeitern von Kantons, was Geschmack, Reinheit und
Zierlichkeit in der Ausführung ihrer Leistungen anbelange, messen.
Da Tai-wan-fu 1 1/2
Meilen von der Küste entfernt liegt, so sind die Comptoirs der europäischen
Handelsfirmen und das Zollhaus in An-ping.
Die Europäer selbst haben ihre Wohnungen in der Stadt und Meist in
chinesischen Häusern. Ihre Gesellschaft
beschränkt sich bloß auf 8 bis 10 Seelen; in den drei anderen Hafenstädten sind
ihrer nicht viel mehr, so daß die Gesammtzahl der Europäer auf Formosa wenig
über 50 geht (Frauen Leben dort nur zwei).
Es sind zum größten Theil Kaufleute, Agenten reicher Käufer in Amon, die
den Handel der Insel fast ausschließlich in ihren Händen haben
Chinesische Angaben
schätzen die Einwohnerzahl von Tai-wan-fu auf 200,000, ich weiß nicht worauf
fußend, denn nie, so lange die Stadt steht, ist eine Zählung vorgenommen
worden. Nach der Ansicht des dortigen
britischen Consuls, übersteigt sie nicht 75,000 und das scheint mir viel
wahrscheinlicher.
Die Garnison der Stadt
besteht aus etwa 10,000 Mann Fußvolk; auf der ganzen Insel sind gegen
20,000. Was aber an diesen 20,000 Mann
ist und was von ihnen erwartet werden kann, ergiebt sich von selbst, wenn man
bedenkt, daß sie aus allen möglichen Tagedieben und Herumtreibern zusammengesetzt
sind, also moralisch auf einer Niedrigen Stufe stehen. Ein ordentlicher Chinese, der Arbeit finden
kann, wird nie Soldat und vermeidet womöglich allen Verkehr mit diesen
Gesellen, deren einzige Beschäftigung und einziger Zeitvertreib Opium und
Karten sind. Dazu ist der chinesische
Soldat hier wie in China selbst schlecht disciplinirt, traurig mit
Luntengewehren, Speeren und dergleichen vorsintfluthlichem Kram bewaffnet und,
was sich wiederholt erwiesen, unterliegt leicht den Entbehrungen und
Strapatzen, die ein Feldzug in die Berge gegen die Eingeborenen nothwendig mit
sich bringt. Doch steht zu hoffen, daß
die Reformen, die sich jetzt in der chinesischen Armee und Flotte- zwar langsam
aber gründlich- vollziehen, auch hier bald Eingang finden werden.
Die Administration der
Insel ist wie in ganz China: jede Präfectur steht unter einem Mandarin dritter
oder vierter Classe, dessen Posten bei großer Verantwortlichkeit mit einer
verhältnißmäßig geringen Selbständigkeit verbunden ist. Denn in jedem einigermaßen außerordentlichen
Falle hat er dem Gouverneur in Tai-wan-fu Bericht zu erstatten und dessen
Anweisungen abzuwarten, ehe er irgend welche Maßregeln ergreifen kann. Der Gouverneur der Insel, ein Mandarin
zweiter Classe, steht selbst in ähnlicher Abhängigkeit vom Generalgouverneur
der Provinz Fu-kiang, zu welcher Formosa gerechnet wird. Wie umständlich und zeitraubend eine solche
Wirtschaft ist, ist klar, und welche schlimme Folgen mitunter dieses Melden,
Anfragen und Abwarten haben kann, zeigt am besten folgender Fall, der uns zugleich
auf das Verhältniß der chinesischen Regierung zu den Eingeborenen überleitet:
Mitte Januar 1876, als
die Friedensunterhandlungen mit den Häuptlinge der Stämme von Süd Formosa
gerade die besten Erfolge versprachen, wurden auf dem wilden Wege nach Long-Kiau einige chinesische Soldaten von Eingeborenen
überfallen und ermordet. Der Commandant von Long-Kiau, der über 2000 Mann
befehligte, konnte nichts anderes thun als die Sache dem Präfecten von
Fung-shan-hien zu melden, der sie seinerseits dem Gouverneur der Insel
vorlegte. Von diesem ging sie weiter nach Fu-Tschau zum Generalgouverneur und
von da nach Peking. Die
Neujahrsgeschäfte und der darauf erfolgende Tod des Kaisers nahmen den Pekinger
Hof damals so sehr in Anspruch, daß die Entscheidung der Formosa- Frage als
eine unbedeutende auf ruhigere Zeiten verschoben ward. Unterdessen war ein
Monat verflossen. Die Eingeborenen,
welche wenig Kenntniß von der Wichtigkeit des chinesischen Neujahrs noch von
dem Tode des Kaisers haben mochten, erklärten sich dieses Zögern von
chinesischer Seite einzig und allein durch deren Feigheit. Daher sammelten sie in aller Stille ihre
Kräfte und überrumpelten in einer Nacht das Lager im Dorfe Hong-kong (22°11'
nördl. Br.), wo neunzig Chinesen, unter ihnen auch Mandarinen, das Leben
ließen. Wieder wurde rapportirt und
angefragt, bis endlich eine Antwort vom Hofe erfolgte; sie lautete: "die
Eingeborenen mit Waffen zu strafen." Dasselbe hätte der Commandant von
Long-kiau mit seinen 2000 Mann schon am Tage nach dem ersten Morde thun können,
und soweit ich ihn persönlich kennen und seinen gesunden, klaren verstand
achten gelernt, er hätte es mit besserm Erfolg ausgeführt als es jetzt der ganzen Truppenmacht Formosas gelang. Denn damals stand der strafbare Stamm noch
allein da; ein energischer Angriff hätte ihn auseinander gesprengt und die Ruhe
wäre hergestellt worden, da sich die meisten Stämme noch nicht von dem Schlage
erholt hatten, den ihnen die Japanern zugefügt.
Jetzt aber hoben sie allmälig die Köpfe.
Aus der Unthätigkeit der Chinesen, wie gesagt, ihre Schwäche und
Feigheit folgend, glaubten sie sich stark genug, um diese von der Küste zu
vertreiben, ihre Befestigungen zu zerstören, kurz ihre Unabhängigkeit für
kommende Zeiten währen zu können. Ein Stamm nach dem andern schloß sich daher
den Friedensstörern an, und anscheinend auf die Verträge mit den Chinesen
eingehend und die friedfertigsten Gesinnungen zur Schau tragend, rüsteten sie
sich eifrig zum Kampfe. Der Ueberfall von Hong-kong zeigte klar, wohin sie hinaus
wollten: es war die Herausforderung zum Kriege.
Als jetzt im März die chinesischen Truppen in die Berge drangen, wurden
sie zurückgeschlagen oder geschickt in
Schluchten gelockt, eingeschlossen und jämmerlich mitgenommen. Zudem nahete sich die heiße Jahreszeit und
unter den Soldaten brach das Fieber aus, das ebenso viel oder noch mehr Leben
raubte als die Kugeln und Pfeile der Feinde.
Die Truppen von Formosa erwiesen sich nicht hinreichend; eine Bestärkung
von 10,000 Mann mußte ihnen aus Fu-kiang zugesandt werden. Aber auch diese konnten die Sachlage nicht
wesentlich ändern, und wie ich zuletzt in Hong-kong (Februar1876) hörte, ist
noch jetzt die Ruhe in Süd-Formosa nicht hergestellt
Und ob sie bald
hergestellt werden wird ist eine schwer zu beantwortende Frage. Die Stämme von Süd Formosa sind die
kriegerischen und verwegensten von allen; sie sind fest entschlossen, ihre
Freiheit bis aufs Aeuserste zu vertheidigen zwar zählen sie alle zusammen nicht
über 2000 Mann, doch haben sie auf ihrer Seite die Vortheile des Landes, einer
rauhen, vollständigen wilden, nur an wenigen Stellen zugänglichen Gegend, wo
jeder Fluß, jeder Bergpfad und jede Schlucht an und für sich eine Festung
ist. Ferner lassen sie sich nie in einen
offenen Kampf ein, der für sie unvortheilhaft ausfallen könnte, sondern
ungesehen, ungeahnt folgen sie dem Feinde auf dem Fuße, bald ihn aus dem
Gebüsch beschießend, bald durch plötzliche Ueberfälle schwächend, oder in
Schlupfwinkel lockend, aus denen der Rückzug nur mit bedeutendem Verlust
möglich ist. Erwägt man also, das Energie, Kühnheit und natürliche Vortheile
auf der Seite der Angreifenden sind, so kommt man leicht zum Schlusse, daß im
Mittel zehn Chinesen gegen einen Eingeborenen nicht hinreichen werden, daß also
nur durch großen Kraftaufwand Süd- Formosa der chinesischen Regierung
unterworfen werden kann.
Wie es dem Erzählten zu
sehen, waren es die Eingeborenen selbst, welche den Krieg hervorriefen; im
Sinne der chinesischen Regierung lag er nie, weder hier im Süden noch in irgend
einem andern Theil der Insel. Vor der
Japanischen Expedition dachte sie überhaupt nicht viel daran ihre Autorität in
den Bergen zur Geltung zu bringen, am allerwenigsten durch Gewalt der Waffen. Weshalb sollte sie es auch? Die ganze Insel
gehörte nominell ihr; niemand hatte sie ihr bis dahin streitig machen wollen,
niemand sich darum bekümmert, welcher Art ihre Verhältnisse zu den Eingeborenen
waren, noch von ihr Rechenschaft verlangt für den Strandraub, der an der Süd
und Südostküste getrieben wurde. Die
japanische Expedition änderte indeß die Sachlage: die Erörterungen, welch sie
zur Folge hatte, machten es der chinesischen Regierung klar, wie unbegründet
ihre Ansprüche auf die ganze Insel waren und bleiben würden, wenn die
Eingeborenen ihre Autorität nicht anerkennen, und ferner wie nahe ihr unter
solchen Umständen die Gefahr lag eine andere Macht neben sich auf Formosa
dulden zu müssen. Für jetzt war sie dieser Gefahr zwar glücklich entgangen
durch den Vertrag von November 1874, nach welchem die Japaneden Long-kiau
aufgaben, die Chinesen aber die Verantwortlichkeit für die Handlungen der
Eingeborenen übernahmen aber auch einer
möglichen Wiederkehr derselben mußte vorgebeugt werden: die Eingeborenen mußten
daher unter chinesischen Einfluß gebracht werden, vor allem die an den Küsten
lebenden Stämme welche am leichtesten Anlaß zu Unannehmlichkeiten mit fremden
Mächten geben konnten. Das Project, nach welchem dieses erreicht werden sollte,
war ebenso human wie scharfsinnig in der Theorie es mußte sich danach alles auf
dem friedlichsten Wege und theilweise von selbst vollziehen. Den Häuptlingen (Taurangs) der verschiedenen
Stämme waren nähmlich derartige jährliche Geschenke in Aussicht zu stellen, die
es ihnen vortheilhaft machen würden, der Regierung in einigen Punkten Gehorsam
zu leisten, also in eine gelinde Abgängigkeit von ihr zu treten; mit deren
Zustimmung sollten dann einige von Chinesen bewohnte Dörfer an den Küsten
besetzt werden; endlich, und dies war der Schwerpunkt des Projects, sollten
durch das Gebirge und längs der Ostküste gute Straßen gebaut werden, welche
alle von Chinesen besetzte oder bewohnte Plätze mit einander und mit der Ebene
verbinden sollten, ein Werk wogegen die Eingeborenen nichts haben konnten. Die Unterhandlungen mit den Häuptlingen
wurden im Januar 1875 eröffnet. Im Süden, wie wir gesehen, scheiterten sie
leider; weiter im Norden aber scheinen sie wirklich einen guten verlauf zu
nehmen; denn während meines Aufenthalts auf der Insel war schon einen Straße
aus der Ebene zur Ostküste (unter 22.5° nördl. Br.) vollendet, und der Bau
einer andern längs der ganzen Ostküste schritt rüstig weiter, ohne daß von
Reibungen mit den Eingeborenen etwas zu hören war.[6]
Diese Straßen müssen mit
der Zeit einen gewaltigen Einfluß auf die eingeborenen ausüben. Denn wie alle Malanen sind die Formosaner
Handelslustig bis zur Leidenschaft; neben der erbittertsten Feindschaft besteht
zwischen ihnen und dem chinesischen Landvolk ein reger Handelsverkehr; sie legen
mühevolle Tagereisen zurück um in den nächstliegenden Dörfer in der Ebene die
Beute ihrer Jagd gegen Waffen, Pulver, Branntwein, Zeug und Kleinigkeiten
auszutauschen. Die dulden sogar ganze
Dörfer ihre Todtfeinde in ihrem Gebiet, wie im Süden und an der Ostküste, bloß
aus Rücksicht für den Handel. Jene Straßen müssen nun den Handel um vieles
beleben, die Eingeborenen öfter in die Ebene, unter civilisierte Menschen
bringen, wo sie, aufgeweckt und von der Natur begabt, wie sie sind, vieles
Nützliche sehen und sich aneignen können. Der öftere friedliche Umgang mit den
Chinesen würde ferner ihren Haß gegen diese allmälig Schwächen und die traurige
Racenfeindschaft aufheben, die für beiden Seiten von so großem Nachtheil
ist. Unternehmungslustige Chinesen würden
sich dann mit der Zeit an den Straßen oder unter den Malanen selbst
niederlassen, wie es im Süden schon stellenweise geschehen, die Cultur und
Industrie müßte ihnen folgen, die Jagd dem Ackerbau Platz machen bis
schließlich die Häuptlinge nichts dagegen hätten, statt Taurang Dorf- Mandarin
genannt zu werden. Und daß diese Folgerung nichts ins Bereich der Phantasien
gehört, beweisen die Set-hwan, ein starker Stamm, nordöstlich von Tschang-hwa,
der unlängst freiwillig unter chinesische Botmäßigkeit trat. Darauf speculiren denn auch die Mandarinen.
Nebenbei
bemerkt, habe ich irgendwo gelesen, das in Formosa für den Kopf eines Wilden
ein Preis von der Regierung ausgesetzt sei.
Ich habe mich vielfach nach der Wahrheit dieser Aussage erkundigt, aber
nirgends sie bestätigt gefunden. Neben den soeben auseinandergesetzten humanen
und friedfertigen Plänen der Regierung ist einen solche unsinnig grausame
Maßregel auch nicht denkbar; vor Zeiten mag sie es wohl gewesen sein, in
Zeiten, wo man an eine Unterwerfung der Malanen nicht dachte, sondern ihnen
bloß wie wilde Horden sah, welche durch Raub und Mord das Land unsicher
machten.
Schließlich
ein Wort über die Thätigkeit der Missionäre auf Formosa.
Seit 1865 arbeitet die
"Presbyterian Medical Missionary Society" unter Chinesen und civilisierten Malanen mit
einem unerschütterlichen Eifer, der sie leider oft in Unannehmlichkeiten mit
dem Volke selbst wie mit der Obrigkeit bringt.
Sie hat schon gegen zwanzig Stationen in der Mitte und im Süden der
Insel gegründet, welche von fünf Mitgliedern der Gesellschaft die selbst in
Tai-wan-fu und Ta-kao leben, beaufsichtigt werden. An diesen Stationen sind
Schulen eingerichtet, wo den Kindern der Gemeinde Unterricht ertheilt wird im
Worte Gottes, in der Geographie Geschichte und Arithmetik und im Lesen und Schreiben(Chinesisch)
mit lateinischen Buchstaben. Die
Missionäre haben nähmlich die Idee gefaßt, die äußerst schwierigen chinesischen
Schriftzeichen durch das lateinische Alphabet zu ersetzen. Alle ihre chinesischen Gesangs und
Gebetbücher sind aus diesem Grunde in lateinischer Schrift gedruckt. Unter den Malanen wenigstens gelingt es ihnen. Als Lehrer und Prediger sind in den Dörfern
Chinesen angestellt, meist junge, gut gebildete Leute.
Im Norden der Insel
wirkt eine canadische presbyterianische Missionsgesellschaft.
Die Katholiken haben
ihre fünf Stationen ausschließlich in Süden unter den Pepo-hwan, bei welchen
die christliche Kirche einen bei Weitem leichteren Eingang finden soll, als
unter den nüchternen Chinesen.
In die Berge zu den
sogenannten Wilden sind die Missionäre noch nicht vorgedrungen; auch dürfte es
ihnen schwer fallen für ihre erhabenen Lehren dort Anhang zu finden, denn die
Wilden haben so gut wie keine religiösen Begriffe. Sie wissen nichts von einem höhern Wesen,
einem Schöpfer und Lenker der Menschen, nichts von einem jenseits; Ihre
Mißgeschicke und Unglücksfälle schreiben sie bösen Geister zu, die sich in der
Luft, im Walde, und im Wasser aufhalten, und denen, um sie zu beschwichtigen,
täglich etwas Speise und Trank geopfert werden muß. Tempel, Götzenbilder, Priester, oder Zauberer
sind mir nirgends zu Gesicht gekommen. Als Aerzte könnten sich die Missionäre
übrigens durch einige geschickte Curen
bei Ihnen Eingang verschaffen, denn von der Heilkunst scheinen sie einige
begriffe zu haben doch glaube ich kaum , daß es einem gelingen wird ohne Samshu
(Reisbranntwein) und Betel einen Wilden zum Christenthum zu bekehren. Was die schon zu presbyterianern gemachten
Chinesen und Malanen anlangt, so will ich nicht erörtern, ob sie wirkliche oder
nur Scheinchristen sind. Musterhaft
eifrige Beter sind es jedenfalls. Nur
sollen sie, meine ich, in ihren Andachtstunden das Schauerliche, Mark und Bein
durchdringende Gekreisch und Gequake lassen das sie "Singen" nennen;
denn man fühlt sich immer tief beleidigt , wenn man eine solche Bete
Gesellschaft einen bekannten Choral herschreien hört und dabei das vollkommen
gerechtfertigte spöttische lächeln auf den Gesichtern der Nichtchristen sieht,
denen dieser abscheuliche Singsang gleichfalls nicht zusagt. Die Missionäre hätten die doch lieber nicht
singen Lehren sollen.
Auf
Formosa
Ethnographische
Wanderungen von Paul Ibis.
III.
Streifzüge
in Süd- Formosa: Aufbruch von Ta-kao.-Tang-kang- Pong-liau.-Die Küste zwischen
Pong-liau und Long-kiau.- Der Stamm Pilám.- Bei den Saprêk.-Der Weg ins
Territorium der Saprêk.- Empfangs Ceremonien.- Das Gastmahl beim Taurang.-
Long-kiau.- Das japanische Lager.-Ausflug zu den Sabari uns an die Ostküste.-
Der Taurand Issek und Tschutok.- Der Ort, wo die gestrandeten Japanesen von den
Wilden ermordet wurden.- Eine Hirschjagd.-Tour ins Territorium des Stammes
Sutang.- Das Steinthor.
Nachdem
ich in Ta-kao, wo ich landete, einige sichere Erkundigungen über die Insel
eingezogen, faßte ich den Plan, zuerst Süd-Formosa zu durchstreifen. Long-kiau, das damals leicht zu erreichen
war, bot einen guten Ausgangs- Punkt dazu.
Dank
der bereitwilligen Hülfe eines deutschen Kaufmanns, Herrn Mannich, dessen
offenherzige Gastfreundschaft ich während meines Aufenthalts in Ta-kao genoß,
waren die nöthigen Vorbereitungen zu meiner Reise bald vollendet. Herr Mannich, der Selbst Touren ins Innere
gemacht, nahm den lebhaftesten Antheil an meinem Unternehmen und war mir mit
seinen praktischen Rathschlägen von unschätzbaren Werth, besonders in der
Wichtigsten Frage, der Wahl der Geschenke, welche mir bei den Eingeborenen
Eingang verschaffen sollten. Da ich mein
Gepäck möglichst beschränkte, so brauchte ich nur zwei Kuli als Packträger
(Pferde oder Esel gibt es hier nicht); beide waren mir von einem Missionär als
zuverlässige Burschen empfohlen und bewahrten sich in der That als solche. Zudem sprach einer von ihnen etwas Englisch,
so daß er mir unter Chinesen als Dolmetscher dienen konnte, und der andere
erwies sich als ein ganz leidlicher Koch.
Freilich mußte es ihnen Geheimnis bleiben, das ich von Long-kiau aus und
auf dem Wege dahin die so gefürchteten Kalé (Wilden) zu besuchen beabsichtigte;
sonst wären sie mir schwerlich gefolgt.
Am 23.
Januar verließ ich Ta-kao. Die erste Nacht
brachte ich im Missionshause in Tang-kang zu, einer Stadt von 20,000
Einwohnern, von denen sich der dritte Theil ausschließlich mit Fischfang
beschäftigt. Der Fischfang ist an der
ganzen Südwestküste überaus ergiebig und der versieht nicht nur die Bevölkerung
der Insel mit Nahrung, sondern unterhält auch einen ziemlich lebhaften Handel
mit Amon und Swatow. Hunderte von
Dschunken und Katamarans (Seetüchtige Flöße aus Bambus mit Rudern und
Grassegeln versehen) bedecken an ruhigen Tagen das Meer, und Tausende von
Menschen sieht man am Ufer mit dem Reinigen, Einpacken, Salzen und Trocknen der
Fische beschäftigt; den Gestank, den solche Plätze ausathmen, spürt man schon
meilenweit.
Etwas
ganz Eigenthümliches, was Tang-kang besitzt, ist der Umstand, daß die Häuser
Hier zum größten Theil
aus Bambus geflochten sind, obgleich es hier in den Nächten doch recht kühl
ist. Das kommt aber daher, daß die Stadt
jährlich bei der Ueberschwemmung des Flusses der Gefahr ausgesetzt ist, weggespült
zu werden; der Chinese, der das weiß, richtet sich denn auch danach ein und
baut sich kein Steingebäude, das ihm m nächsten Jahre ebenso leicht zerstört
werden kann wie das billigste Bambushäuschen.
In
Tang-kang erreichten uns das fatale Gerücht von einem frechen Morde, den die Kalé
auf dem Wege nach Long-kiau an einigen chinesischen Soldaten verübt, was sich
weiterhin als wahr bestätigte, Meine
Leute, die die Sache sehr ernst aufnahmen, gingen nur ungern weiter, und als
ich nach zwei Tagen in Pong-liau, einem Fischerdorf oder, wenn man will, einer
Stadt von 5000 Einwohnern ankam, wo mit dem Flachlande die chinesische Macht
ihr Ende hat, so Schwand ihnen völlig der Muth; ein wenig Strenge, mehr aber
ihr festes Vertrauen auf die Vortrefflichkeit meines Doppelläufers und
Revolvers, brachte sie indeß auf die Beine.
Hinter
Pong-liau verändert sich schnell der Charakter der Gegend, die blühenden Felder
und schattigen Gärten verschwinden, und mit dem letzten Laute aus Pong-liau,
mit dem letzten armseligen Kartoffelfelde am Wege, hören all Anzeichen
menschlichen Lebens und Treibens auf, und eine drückende Ruhe umgiebt den
Wanderer; die wildzerissenen, mit verworrenem Gestrüpp bedeckten Bergketten
drängen sich immer näher und näher ans Ufer, bis sie sich endlich schroff aus
dem Meere erheben; der Weg, ein kaum sichtbarer Fußpfad, schmiegt sich bald ans
Wasser, verschwindet in Sand und Geröll, bald läuft er schroff bergauf und
bergab.
Zwischen Pong-liau und Long-kiau liegen nur drei kleine
Fischerdörfer; es sind Lam-sio, etwas südlicher Tsche-tong-ka und in 22°11'
nördl. Br. Hong-kong. Die wenigen
chinesischen Einwohner dieser Dörfer werden von den Eingeborenen geduldet weil
sie ihnen als Lieferanten von Waffen, Munition, Kleidern, Taback, Branntwein
und allerhand Schmucksachen unentbehrlich sind. Neue Anlagen sollen indeß nicht
zugelassen werden . Ein alter
ehrwürdigen Chinese im Dorfe Hong-kong, unter dessen Dache ich übernachtete,
erzählte mir aus eigener Erfahrung, folgendes Beispiel dazu: Noch als junger
unternehmungslustiger Mann, und theilweise auch von der Noth getrieben, faßte
er den Plan, sich zwischen Hong-kong und Long-kiau anzusiedeln, wo er sich bald
und leicht zu bereichern hoffte. Der
benachbarte Stamm der Eingeborenen hatte nichts dagegen. Er baute sich also ruhig sein Haus, legte
Felder und einen Garten an und, als er seine Verhältnisse mit den Kalé sicher
genug glaubte, brachte er auch Weib und Kind hinüber. Eine Zeitland ging es leidlich; und obgleich
ihn die Wilden ziemlich hochmüthig behandelten und oft beim Handel gewaltsam
übervortheilten, so war er doch klug genug allen ernstlichen Zwist mit ihnen zu
vermeiden; denn immerhin stand er sich hier in der eigenen Wirtschaft besser
als in der Ebene, wo er nichts besaß.
Aber durch einen unglücklichen Handelspact, bei dem sich die
Eingeborenen geprellt sahen oder glaubten, wandelte sich aller: erst wurden ihm
Felder und Garten verwüstet, dann das Vieh geraubt, und als er sich noch immer
nicht entfernte, das Haus bei Nacht überfallen und zerstört. Er selbst rettete sich und sein Kind mit
genauer Noth, während sein Weib ein Opfer dieser Greuelthat wurde. Einige Ruinen, die ich hier und da am Wege
sah, bestätigten die Wahrheit dieser Erzählung und zeigten zugleich, daß mein
Gastwirth nicht allein diesen Versuch gemacht.
In Lam-sio traf ich die ersten Eingeborenen. Es waren Männer und Frauen aus dem Stamme
Pilám, die aus den Bergen herabgestiegen waren, um Schießpulver gegen Felle und
Erdnüsse einzutauschen. Meine Freude bei
ihrem Anblick war womöglich noch größer, als der Schreck meiner Begleiter, und
sofort machte ich mich mit Taback , Betel und Samshu an sie, was allmälig ihre
Schüchternheit beseitigte, so daß sie sich schließlich ruhig zeichnen
ließen. Mit den Körpermessungen wollte
es aber durchaus nicht gehen; der Tasterzirkel flößte ihnen solche Furcht ein,
daß sie mir eilig davonliefen, sobald ich nur die Hand danach ausstreckte. Ich mußte ihn einpacken um sie zu beruhigen
und bei mir zu behalten. In der Folge
richtete ich das anders ein: wollte ich nähmlich einen Burschen messen, so
stellte ich erst eine Schale Samshu, etwas Schießpulver, oder sonst etwas
Verlockendes neben mich und gab ihm zu verstehen, daß er alle Dinge bekommen
sollte, wenn er die Procedur ruhig aushielte: zögerte er dann noch immer, böse Zauberei
befürchtend (was übrigens selten vorkam, denn Samshu ist eine zu gute
Lockspeise), so versuchte ich ihm klar zu machen daß ich Arzt sei und, um gute
Medicin machen zu können die Leute denen ich helfen wolle, gut kennen, daher
sie merken müsse; das half denn meistens.
Vorsichtig begann ich dann die Procedur mit dem Bande erst an Händen,
Füßen und am Körper, dann am Kopf und allerletzt mit dem gefährlichen Zirkel,
der trotz Samschu und Pulver doch manche in die Flucht trieb. Wie die Körpermessungen, mißlang hier auch
mein Versuch mit den Pilám ins Innere zu dringen; ihr Taurand (Häuptling) sei
ein gar böser Mann, meinten sie, und ohne dessen Erlaubniß durften sie keinen
Fremden mit sich mit sich nehmen, welche
Geschenke er auch versprechen möge. Die
Erlaubniß abzuwarten hätte aber vier Tage geraubt, weshalb ich es für besser
erachtete, meinen Weg nach Süden fortzusetzen.
Am
folgenden Tage hatte ich denn auch besseres Glück. Im Dorfe Hong-kong begegnete
ich nämlich Männern aus dem Stamme Saprêk, die, nachdem ich sie fleißig
bewirthet, einwilligten, mich in ihr Dorf zu geleiten und ihrem Taurand als
Bruder zu empfehlen; nur sollte ich dem Stamme ein Fest geben, wie es einem
großen weißen Taurang anstehe, d.h. soviel Samshu und Betel mit mir nehmen, daß
sich alle daran etwas zu gute thun könnten.
Das war nicht schwer zu arrangiren, da der ganze Stamm nicht über 150
Köpfe zählt. Meine neuen Reisegefährten-
etwa ein Dutzend an der Zahl- beluden sich daher mit so viel Schnaps in
Kürbisflaschen, Blasen und mannshohen Bambusröhren, wie sie tragen konnten, und
vorwärts ging es. Von meinen Leuten nahm
ich nur den Dolmetscher mit, da einige von den Eingeborenen etwas Chinesische
sprachen.
Es war Mittag, als wir aufbrachen. Die wenigen Reisfelder, das japanische Lager[7]
und die letzte Hütte des Dorfes lagen bald hinter und, und einen Meile
landeinwärts umgab uns vollständige Wildniß.
Die Berge und Ufer des Flusses, längs welcher unser Weg lief, deckte
ununterbrochener, dichter Wald; tiefe Stille umgab uns, die nur dann und wann
durch den schrillen Schrei eines aufgescheuchten Vogels oder das monotone
Gemurmel einer Cascade unterbrochen wurde. Einer dicht hinter dem Andern,
schritten wir schweigend weiter auf dem schmalen Pfade, der sich bald durch das
Dickicht wand, bald längs dem Flußufer oder durch Furthen lief. Nach etwa zwei Stunden machten meine
Begleiter auf einer kleinen Wiese halt.
Einer von ihnen ließ einen lauten gedehnten Pfiff hören, worauf
entfernte Stimmen aus dem Busch antworteten;
darauf vernahm man das Krachen dürrer Aeste, das Rascheln der Blätter
und nahende Stimmen, bis das Gebüsch sich endlich theilte und einige weibliche
Figuren ins Freie traten. Es waren die
Weiber meiner Gefährten, welche hier versteckt die Rückkehr ihrer Gatten abwarteten, um ihnen ihre Bürde heimtragen zu
helfen. Diese Fürsorge erwies sich
durchaus nicht als überflüssig, denn jetzt ging der Weg direkt bergan und zwar
so steil daß man sich stellenweise an den Baumzweigen halten mußte, um nicht
zurückzurutschen. Mir und meinen
Chinesen verging bald der Athem; meine
Gefährten aber und ihre Frauen schritten leicht und rüstig, wie auf ebenem
Felde, weiter, und lächelten nur, wenn ich mich erschöpft an einen Baumstamm
lehne, um Athem zu holen. Nachdem wir so
mehr als anderthalb tausend Fuß hinaufgekommen, überschritten wir endlich den
Bergrücken, und vor oder besser unter uns lag ein enges düsteres Thal, das
Jagdgebiet der Saprêk. Dunkle
scharfgezackte Berge schlossen es ein, und, soweit das Auge reichte, nichts als
Wald; keine Hütte, keine Rauchsäule deutete auf das Dasein menschlicher Wesen,
nur der Fluß, der sich, ein schmales Silberband, durch das Thalbett wand,
brachte einige Abwechslung, einiges Leben in diesen ernste, unheimlich stille
Bild. Unser Weg neigte sich jetzt auf
einige hundert Fuß langsam Thalwärts und lief dann in horizontaler Richtung
weiter, etwa 1000 Fuß über der Thalsohle.
Gegen Abend wurde der Wald lichter; gefällte und angebrannte Baumstämme,
noch glimmende Aschenhaufen am Wege und entferntes Hundegeläff deuteten auf die
Nähe menschlicher Wesen. Endlich traten
wir aus dem Walde auf eine große Lichtung, die bis ins Thal hinab reichte, und
erblickten die wenigen zerstreut von einander liegenden Hütten des Saprêk-
Dorfes vor uns.
Beim
Eingange in dasselbe machten meine Begleiter Halt. Ein Bambusstab wurde etwa 30 Schritt weit von
mir aufgestellt, und mir ein Zeichen gegeben, auf dieses Ziel abzufeuern.
Nachdem das geschehen und ein Schuß sich nach gehöriger Untersuchung als ein
guter erwiesen, wurde ich mit einiger Feierlichkeit ins Dorf geführt. Diesen Probeschuß, den ich auch bei einigen
anderen Stämmen thun mußte, kann ich mir
nur dadurch erklären, da die Saprêk, als ein Jägerstamm, den Mann eben nach
seinen waidmännischen Verdiensten schätzen, also nur einen guten Schützen sich
ebenbürtig halten. Hätte ich gefehlt, so
wäre ich wohl schmählich ausgelacht und schwerlich von dem Häuptling, dem
besten Jäger und Krieger des Stammes empfangen worden.
Auf dem Hofe der ersten Hütte hieß man mich auf einem
Bänkchen Platz nehmen, und auf den Taurand warten, der mich hier begrüßen
sollte. Meine Zwölf Begleiter und die
übrigen Männer des Dorfes, die auf den Schuß herbeigeeilt waren, setzten sich
im Halbkreis um mich her. Die Weiber
schafften schnell ein großes Gefäß auf den Hof, und nachdem sie es mit dem
mitgebrachten Branntwein gefüllt, zogen sie sich in die Hütte zurück.
Bald
kam auch der Taurang, ein Mann im mittlerem Alter, von ziemlich unansehnlichem
Aeußern, aber einem ungemein wichtigen, gespreizten Wesen. Die ganze stumme Gesellschaft wie auch mir
nur eines flüchtigen Blickes würdigend, nahm er mir gegenüber auf dem für ihn
bereit gestellten Sessel Platz. Ein
Knabe, der ihm, ein gelben an einen Pfeil befestigtes Fähnchen schwingend, vorangeschritten
war, trat dann mit einer tiefen Verbeugung vor ihn und legte besagtes Fähnchen
nebst einem grell bemalten Wachstuchköcher ihm zu Füßen. Auf einen flüchtigen Wink der Herrschers
verschwand der Knabe in der Hütte.
Niemand rührte sich jetzt, niemand sprach ein Wort; auf allen Gesichtern
lag der Ausdruck tiefen Sinnens, und feierlichen Ernstes: man erwartete die
Begrüßungsceremonie. Je länger indeß
diese Grabesstille dauerte, desto finsterer wurden die Züge des Häuptlings, und
ich, den die Scene anfangs herzlich belustigt, begann meine Lage etwas
unbehaglich zu finden. Dann
augenscheinlich erwartete man von meiner Seite den ersten Schritt; wie ich ihn
aber thun, ohne gegen die allem Anscheine nach so steife Etikette zu
verstoßen? Ein wohlwollender Bursche
half mir endlich aus der Verlegenheit, indem er mir zu verstehen gab, daß es
Zeit sie meine Geschenke dem Taurang darzubringen. Ich erhob mich daher und
trat vor den Finstern Herrn, der streng-fragend seinen Blick auf mich richtete. Ein Stück gelber Seide, eine Kette, und
einige Reihen Glasperlen, die ich ihm auf die Knie legte, verscheuchten indeß
die drohende Wolke von seiner Stirn er erhob sich, legte seinen linken Arm auf
meine rechte Schulter und bedeutete mich dasselbe zu thun, worauf man mir eine
Schale Samshu reichte, die wir abwechselnd einen Schluck thuend, bis auf den
Grund ausleerten. Jetzt war ich der
"Bruder " des Häuptlings, wie mir mein Dolmetscher auseinandersetzte,
und die Empfangsceremonie hatte ihr Ende.
Die stumme Gesellschaft hatte sich erhoben und machte sich wacker an das
Gefäß mit Samshu, und bald fehlte auch mein würdiger Bruder nicht unter ihnen.
Seine Gespreiztheit schwand allmälig, er wurde geschwätzig, lachte und schrie
wie ein gemeiner Saprêk, und als er sich
endlich bedenklich wankend entfernte, so machte er , allen Anstand vergessend,
einen so abscheulichen Gebrauch von seiner Kehle, daß die Hunde im Dorfe
aufheulten.
Mit Einbruch der Nacht wurde ich in das Tapau (Hütte) des
Häuptlings geleitet, das in der Mitte des Dorfes liegt und sich von den anderen
Hütten nur durch etwas mehr Geräumigkeit auszeichnet. Das Würdezeichen des Taurangs, das Fähnchen
im Köcher, wurde auf dem Wege dahin hoch in der Luft vor mir hergetragen. Auf dem Hofe des Tapau hatte sich das Volk
schon zum Feste versammelt und plauderte heiter. Bei meinem Eintritt schwiegen die Gespräche,
und Aller Gesichter nahmen plötzlich einen so feierlichen Ausdruck an, daß es
mir Mühe kostete, mich des Lachens zu enthalten. An der Schwelle trat mir der Taurang
entgegen, wie es schien in vollem Schmuck: er trug zwei Jacken, eine über der
andern; die untere aus rothem Flanell und einfach mit gelber Schnur umsäumt,
die obere von blauer Farbe, mit rothen Aufschlägen an den Aermeln und, außer
verschiedenfarbigen Schnüren, an der Brust mit einigen Reihen japanischer
Silbermünzen (10-cent Stücken) verziert.
Zwei schwarze Schürzen welche, kaum die halbe Lende bedeckend, um die
Hüften geschlagen waren, trugen dieselbe Bezierung. Das Haar war mit blauen Bändern, Perlen und
Ketten zusammengefaßt, und am Halse sah man eine wahre Last von
verschiedenfarbigen großen und kleinen Glasperlen. In den Ohrläppchen glitzerten runde mit
Spiegelscherben incrustirte Pflöcke, an den Armen Silber und Messingringe. Im
Gegensatz zu diese Ueberladung mit allem möglichen Tand waren seine Frau und
seine Töchter, die mit ihm mich willkommen hießen, sehr einfach gekleidet. Außer runden Porcellanstücken in den Ohren,
einer Perlenreihe am Halse und Armringen trugen sie keinen andern Zierrath. Das Haar war leicht am Nacken zusammengefaßt
und kokett mit einem blau und weiß gestreiften Tuchen umbunden, und das Costüm
der hiesigen Chinesinnen, das sie mit einigen Abänderungen sich angeeignet,
umzeichnete vortheilhaft ihre nicht schlechten Formen.
Nachdem der Taurang mich ehrerbietig in das Haus geleitet
und mir eine eigenhändig gestopfte Pfeife gereicht, wandte er sich mit einer langen Rede an die
hier versammelten Männer, meist ehrwürdig aussehende Greise, worauf wieder
Samshu getrunken werden Mußte, Dann begab sich die ganze Gesellschaft in die
zweite Abtheilung der Hütte, einen hohen weiten Raum, der durch das
lustig-prasselnde Feuer auf dem Herd hinlänglich erleuchtet war. Auf dem Fußboden war aus Brettern eine Art
Speisetisch hergestellt und mit dampfenden Schüsseln und Schalen beladen. Die
Weiber ordneten noch diesen und jenes daran, schoben eine Anzahl niedriger
(kaum 3 Zoll hoher) Bänkchen herbei und baten und dann Platz zu nehmen. Der Häuptling wies mir an seiner Seite einen
Sitz an, worauf sich auch die übrigen Gäste setzten, wie es mir vorkam, streng
nach Alter und Würde. Als Allen Reis,
Eßstäbchen und Samshu gereicht war, erhob sich der Wirth und Weintropfen um
sich spritzend murmelte er etwas, wie ich später erfuhr, eine Beschwörung böser
Geister; dasselbe geschah auch mit
Reis. So lange ich an der Tafel saß, aß
keiner der Anwesenden; Aller Aufmerksamkeit war auf die Bewirthung meiner
Persönlichkeit gerichtet; erst als ich mich erhob, als man mir Thee und warmes
Wasser zum Waschen der Hände und Ausspülen des Mundes gereicht, machten sie
sich an Speise und Trank, und zwar mit beneidenswerthem Appetit. Ihr Tisch ist übrigens nicht ganz schlecht,
wenigstens mundete er mir besser als der chinesische. Einige Gerichte, wie gesäuertes
Hirschfleisch, z. B., würden Selbst einer europäischen Küche Ehre machen.
Nach der Mahlzeit ließ man auch die Jugend eintreten, die
bis dahin geduldig auf dem Hofe gewartet.
Dar übrig gebliebene Samshu wurde herbeigeschafft und mit ihm kam Leben
in die steife Gesellschaft. Die
Unterhaltung wurde lauter und lauter, bis es schließlich keinen strengen
Taurang mehr gab, keine würdevollen Greise oder bescheidene Jünglinge, sondern
einfach lustige, ausgelassene Burschen. Spät nach Mitternacht ging der Hause
auseinander und ich legte mich vollkommen zufrieden mit dem Tage, zu Ruhe;
weder mein hartes Lager noch das Grunzen der Schweine, die nur durch eine
Strohwand von mir getrennt waren, hinderte mich am Einschlafen.
Am andern Morgen besichtigte ich das Dorf und seine
Umgebung, zeichnete einiges, sammelte Vocabeln des Saprêk Dialektes, kurz, ging
meinen gewöhnlichen Beschäftigungen nach.
Als ich mich am Nachmittag vom Taurang und seiner Familie verabschiedete,
wurde mir eine ausgezeichneten Hirschkeule geschenkt, und da ich ein
Gegengeschenk machte, so fügte man noch einen Sack gerösteter Erdnüsse
hinzu. Meine Chinese, auf dessen Buckel
das alles kam, bat mich inständig, dem Samshu-Geben (Schenken) ein Ende zu
machen, da die Wilden ihm für jede Kleinigkeit einen neuen Sack aufbürden
würden.
Einige junge Burschen begleiteten mich bis nach Hong-kong
und, da es zu spät für Heimkehr war, so blieben sie die Nacht über meine Gäste.
Das war mein erster Besuch bei den so „schrecklich
wilden“ Eingeborenen Formosa, da man, weiß Gott weshalb, selbst des
Cannibalismus beschuldigt hat;; und ich muß gestehen, sie machten auf mich
einen bessern Eindruck, als manches andere Volk, das sich einer hohen
Civilisation rühmt. Weder hier bei den
Saprêk noch irgendwo anders, wo ich mich blindlings den Eingeborenen
anvertraute, wurde von meinem Vertrauen zu ihnen der leiseste Mißbrauch
gemacht. Ueberall trat man mir mit
derselben offenen und ehrerbietigen Gastfreundschaft entgegen, und nie hatte
ich Grund, mich über Frechheit oder Zudringlichkeit zu beklagen. Schwer war es nur anfangs ihr Vertrauen zu
gewinnen und Zulaß zu ihnen zu erlangen, was übrigens ganz natürlich ist, wenn
man ihre Stellung berücksichtigt und die bitteren Erfahrungen, die sie selbst
und ihre Vorfahren im Verkehr mit den Chinesen gemacht haben; kein wunder
daher, daß sie jeden Fremden mit Mißtrauen betrachten.
Auf der Weiterreise hatte ich ein unerwartetes
Zusammentreffen mit Leuten aus dem Stamme Quajan (oder Quai-hwan?),
schmierigen, Verdacht erregenden Gesellen, die nach der Logik meiner Chinesen
auf uns zu feuern beabsichtigten. Aus diesem Grunde warfen sie das Gepäck von
sich, in der ernsten Absicht davonzulaufen; mein Revolver, vor dem sie
fürchterlichen Respect hatten, hielt sie indeß davon zurück. Das Abenteuer endete damit, daß ich an der
Lunte des nächsten Wilden meine Cigarre anzündete, jedem von ihnen eine
Cigarette in den Mund steckte und schließlich den einen abzeichnete.
Am 28.
Januar traf ich in Long-kiau ein. Hier
ist wieder gegen 20 Quadratmeilen fruchtbares Flachland ( des westliche Theil
der Südspitze), das ausschließlich von Chinesen bewohnt und cultivirt
wird. Ihre Gesamtzahl schätzt man nach
officiellen Angaben auf 10,000 Seelen.
Unter den Dörfern ist Long-kiau in der Nähe des Meeres das bedeutendste
und treibt einen Handel mit Ta-kao und Tai-wan-fu. In der nähe dieses Dorfes haben die Chinesen
drei Forts, deren Bau damals beendet wurde; zu einem vierten, in den Bergen,
wurde der Grund gelegt, ob sie es vollendet haben und noch behaupten, kann ich
nicht sagen. Der Ort sollte eine
Besatzung von 4000 Mann bekommen; 2000 waren schon da. Das japanische Lager, das der chinesischen
Regierung für theures Geld übergeben wurde, existirt nicht mehr; es wurde am
Tage nach Abzug der Japanesen bis auf den Grund niedergebrannt, weil, wie mir
ein Mandarin erklärte, die Gebäude zu schlecht und unbequem für chinesische
Soldaten wären. Nun, meiner Meinung nach
sind die chinesischen dicht aneinander gedrängten und von einer Mauer umgebenen
Lehmhütten entschieden schlechter, als die lustigen und geräumigen Strohgebäude
der Japanesen, wie ich sie im japanischen Lager bei Hong-kong sah. Ein chinesisches Lager oder Fort, wenn man so
die von einer dicken Lehmmauer umschlossenen Baracken nennen will, ist gerade
der Ort dazu, wo sich Fieber, Pocken und andere epidemische Krankheiten
entwickeln müssen, besonders bei der faulen Lebensweise der Soldaten, die den
lieben langen Tag in den beklemmenden Baracken bei der Opiumpfeife liegen oder
Karten spielen.
Die meisten Einwohner von Long-kiau hatten nie zuvohr
einen Europäer gesehen daher wurde ich allgemein als Japanese mit Freuden
empfangen; denn diese haben durch das viele Kleingeld, das gegenwärtig in ganz
Süd-Formosa in Umlauf ist, einen günstigen Eindruck bei den Landvolke
hinterlassen.
Es fiel mir in Long-kiau nicht leicht, der ängstlichen
Wachsamkeit der Mandarinen zu entschlüpfen und einen Ausflug an das Ostufer zu
machen. Denn diese Herren sind innerhalb
ihrer Wirkungskreises mit Hab und Gut für jeden Fremden verantwortlich, und was
diese Verantwortlichkeit kosten kann, haben ihnen die Engländer verständlich
genug gemacht.
Mit allen Mitteln, welche die Höflichkeit zuließ, wie z.
B. Einladungen zum Diner und Ankündigungen von Visiten auf einige Tage voraus,
suchten sie mich daher von weiteren Auslügen abzuhalten; aber wie gesagt, ich
entschlüpfte ihnen den nächsten Morgen schon und zwar ohne jegliche Begleitung,
ohne selbst meinen Leuten ein Wort davon zu sagen. Die Wege, welche die japanische Artillerie
gebahnt, mußten mich schon irgendwo hinführen.
Ich schlug also denjenigen ein, der mich am schnellsten in die Berge
brachte, wo ich denn bald das Glück hatte, auf einige Jäger aus dem Stamm Sabari
zu stoßen, die mich erstaunt als Dsipún (Japanese) begrüßten und gern in ihr
Dorf mitnahmen.- Die Sabari gehören nähmlich zu denjenigen Stämmen die sich
ohne Widerstand den Japanesen unterwarfen und während der Dauer der Expedition
mit ihnen in freundschaftlichem Verhältniß blieben. -Im Dorfe das ich gegen
Mittag erreichte, wunderten sich die Leute nicht wenig, als sie erfuhren, daß
ich weder Japanese noch schiffbrüchig war, sonder direct und ganz allein aus
dem Westen kam. Wer ich denn eigentlich
sei, konnte ich ihnen noch weniger erklären als den Chinesen, denen ich fast
überall als Missionär, Doctor oder englischer Consul galt.
Das
Glück war mir auf dieser Tour besonders günstig: Issek, des Sabari Taurang, gab
m nächsten Tage eine große Hirschjagd, zu der viele Häuptlinge und Jäger der Nachbarstämme
eingeladen waren. Da ich die alle hier
sah, so blieb mir die Mühe erspart, sie in ihren eigenen Dörfern aufzusuchen,
wodurch einige Tage gewonnen wurden.- Noch an demselben Nachmittag machte ich
dem Taurang meinen Besuch, dessen Tapau eine halbe Stunde vom Dorfe entfernt in
einem reizenden Thale gelegen ist. Ich traf ihn eifrig mit dem Putzen seiner
Waffen beschäftigt, während seine Frau und das übrige weibliche Personal des
Hauses mit allerhand Vorbereitungen um bevorstehenden Feste alle Hände voll zu
thun hatten. Issek empfing mich ohne
jegliche Ceremonie und ohne Geschenke zu fordern, bewirthete mich mit Thee und
einem ziemlich schmackhaften Gebräu aus Hirse, fragte mich dann nach dem Zweck
meiner Reise und bat mich schließlich morgen an der Jagd Theil zu nehmen; mit einem Worte: er hatte nichts in seinem
Benehmen oder Aeußern, was Jemanden berechtigen könnte, ihn kurzweg einen
„Wilden“ zu nennen. Ueberhaupt bemerke
ich, daß man mit diesem Wort ziemlich unbedachtsam umzugehen pflegt; denn ein
Volk, welcher feste Wohnsitze hat, Ackerbau treibt, dessen Lebensbedürfnisse
bei Weitem das übersteigen, was die Nur ihm bietet, also Handelsverbindungen
unentbehrlich machen und selbst einen gewissen Luxus beanspruchen, ein solches
Volk kann ich nicht mehr „wild“ heißen, wenn es auch nicht lesen, schreiben und
über Zehn hinaus zählen kann und keine Begriffe hat von einer Staatsverfassung
im Großen. Auf Formosa läßt sich daher dieses Wort auf die wenigsten Stämme
anwenden.- Doch zurück zu Issek. Dieser
gemüthliche Herr läßt sich am besten mit einem wohlhabenden Landwirthe
vergleichen, de, Comfort und Geselligkeit liebend, ganz nach seinen Mitteln
lebt und zu leben weiß, dabei aber die Wirthschaft nicht aus dem Auge läßt. Seine Felder und Gärten sind gut bestellt,
seine Büffel wohlgefüttert und sein Tapau, ein weitläufiges, solides Gebäude,
ist im Innern recht behaglich eingerichtet.
Das Zimmer, in welchem ich empfangen wurde, war mit Stühlen, Tischen und
Koffern von guter chinesischer Arbeit meublirt und an den Wänden hing an
Hirschgeweihen ein ganzes Arsenal von Büchsen, Messern, Speeren und andrem
Jagdgeräth, eine Sammlung, auf die der Hausherr nicht wenig stolz war. Das Haus und Küchengeräth war meist chinesisch
und nicht von der schlechtesten Sorte.
Man sieht also, daß der Sabari-Häuptling bequem zu leben versteht, was
denn auch kein zufriedenes wohlgenährtes Aeußere und sein leutseliges Wesen
bestätigen. In seiner Kleidung ist er
einfach und trägt sein Haar im Zopf- der erste Schritt zur chinesischen
Civilisation.
Von ihm begab ich mich ins Dorf
Tuarsók, vier Meilen nordöstlich von Sabari.
Hier lebt der Taurang Tohutok, wie mir gesagt wurde das Haupt einer
Conföderation von 18 Stämmen (diese Conföderation scheint mir indeß eine sehr
lockere, wenn nicht gar nominelle, zu sein).
Tohutok fand ich vollkommen berauscht und mit seiner Ehehälfte heftig
zankend, weshalb mein Besuch von nur kurzer Dauer war.
Die
Nacht schlief ich im Dorfe Sabari im Hause eines alten, bei den Eingeborenen
hoch angesehenen Chinesen; denn die Sabari, wie auch die Tuasók und einige
andere Stämme, dulden unter sich Chinesen, scheinen sich aber nicht mit ihnen
zu vermischen.
Da die Jagd bei Issek erst gegen Mittag beginnen und den
ganzen Nachmittag dauern sollte, so benutzte ich den Morgen um meinen Plan, bis
an die Ostküste vorzudringen, auszuführen.
In aller Frühe brach ich der andern Morgens auf und zwar wieder ohne
Führer, obgleich mich die Leute kopfschüttelnd vor dem Stamme Kuarút warnten,
dessen Territorium ich zu durchschreiten hatte.
Das trockenen Flußbett, in welchem ich vordrang, brachte mich nach einer
Stunde in ein Dorf, wie es sich damals erwies.
Bakurút, wo das Volk bei meinem plötzlichen Erscheinen einen
fürchterlichen Spektakel erhob: Weiber und Kinder liefen heulend davon, die
Männer stürzten bewaffnet aus den Hütten und bald sah ich mich von einem Haufen
schmutziger und verdächtig aussehender Gesellen umringt, die durch allerlei
Pantomimen zu wissen begehrten, wo mein Schiff gestrandet. Es blieb mir nichts anderes übrig, als nach
Osten zu weisen wodurch ich mir mehr Führer erwarb als mir lieb war. Zu einiger Beruhigung sah ich unter ihnen
einen jungen Chinesen, mit dem ich mich im Nothfalle schon etwas verständigen
konnte. Man drängte mich fast gewaltsam zum Aufbruch.- Die Reis und
Kartoffelfelder, welche sich bisher an beiden Seiten des Flusses hinzogen,
verschwanden und machten dem Walde Platz, der, immer dichter und höher werdend,
endlich in vollkommen undurchdringlichen Urwald überging. Bald durch den Fluß watend, bald über Steine, Geröll und riesige
Baumstämme kletternd, folgten wir anfangs dem Flußbett; dann schlugen meine
Führer einen schmalen Pfad in den Wald ein. Jeden dünnen Ast vermeidend, auf
jeden Lauf aufhorchend, schlichen wir jetzt weiter, denn wir passierten das
Gebiet der Kuarút, mit denen die Bakurút in Feindschaft leben. Das dumpfe Getöse der Brandung wurde immer
deutlicher, bis und endlich durch die
Bäume die Seefläche entgegenschimmerte.
Nachdem die eingeborenen die Umgebung sorgfältig rekognosziert und
nichts Verdächtiges gefunden, verließen wir den Wald und betraten das Ufer,
welches hier an der Flußmündung eine kleine sandige Bucht bildet. Einige Strohhütten im Schatten der Bäume, aus
denen dünne Rauchsäulen emporwirbelten, fesselten meine Aufmerksamkeit. Der junge Chinese, der die ganze Zeit mir
zur Seite schritt, beeilte sich zu erklären, daß von hier aus die Kuarút der
See und schiffe beim Sturme beobachteten und daß dies der Ort sie, wo sie die
Liu-kiu Insulaner von dem japanischen Schiffe ermordet (was bekanntlich der
Expedition zur Folge hatte oder richtiger als ihr Vorwand diente; denn die
ganze Formosa- Affäre, über die in Japan so fürchterlich viel geschrien und
Wesen gemacht wurde, hatte im Grunde keinen andern Zweck als durch ein Aufsehen
erregendes Unternehmen der Regierung da unheildrohende Gähren im Volke zu
unterbrechen und somit einer Revolution vorzubeugen, was denn auch
gelang.) Das Japanische Schiff was etwas
südlicher gestrandet; Mangel an Wasser hatte wohl die Schiffbrüchigen
hergeleitet. Planken von diesem und
anderen unglücklichen schiffen kann man weit im Innern als Stege und Brücken
über Bäche und Gräben sehen.- Aufgebracht waren meine Begleiter anfangs genug,
als sie einsahen, daß sie Ihren mühevollen Spaziergang ganz vergebens gemacht,
daß ich weder Schiffbruch erlitten noch ein Fahrzeug hier stehen hatte, sondern
einfach das japanische Wrack das gar nicht mehr existierte, sehen wollte. Zu ernstlichen Zornausbrüchen wie ich
befürchtete, kam es indessen nicht; der Chinese legte sich mit Erfolg ins
Mittel, und als ich jedem obendrein etwas Tamako (Taback) gegeben, was der
Friede bald hergestellt. Mit doppelter
Vorsicht mußten wir auf der Rückkehr zu Werke gehen; denn die glimmenden Feuer
in den Hütten ließen auf die Nähe der gefürchteten Kuarút schließen.
Die Jagd bei Issek,
die nebenbei gesagt recht heiter war, und günstig ausfiel, verdient keiner
nähern Beschreibung; es war eine gewöhnliche Treibjagd, wie sie überall in
Europa in wildreichen Gegenden abgehalten werden; nur muß man sich statt
uniformierter Jäger, eleganter Herren und graziös zu Pferde sitzender Damen
schmierige, halbnackte Burschen vorstellen, und statt des pikanten
Gabelfrühstücks hinterdrein ein etwas unheimliches Gelage im Hause des Taurang.
In der folgenden Nach kehrte ich nach Long-kiau zurück,
wo man sich über mein unbegreifliches Verschwinden schon ernstlich zu ängstigen begann. Meine Leute, die mich fast aufgegeben, waren
höchlichst erfreut mich gefunden und munter wiederzusehen und erzählten darauf
Allen und Jedem auf meine Rechnung die wunderlichsten Abenteuer, wie ich es aus
den verblüfften und erstaunten Gesichtern ihrer Zuhörer schloß.
Eine andere Tour die ich darauf nach Norden ins Land der
Butáng, des stärksten und gefürchtetsten von allen Stämmen Süd-Formosas,
unternahm mißglückte gänzlich; denn schon in der ersten Nacht die ich im Walde
unter freiem Himmel zubrachte, ergriff mich ein heftiges Fieber, wohl infolge
meiner nassen Kleider, da ich am Tage mehrmals einen Fluß zu durchwaten
hatte. Ziemlich hülflos wurde ich am
andern Morgen von einigen Leuten aus dem Stamm Kuskút am Wege gefunden und von
diesen nach einer langen und ernsten Berathung bis zum sogenannten Steinthor zurückgebracht,
von wo ich mich denn selbst bis zur nächsten chinesischen Colonie schleppte.
Das genannte Steinthor, das seine Benennung von den
Japanese hat, wird durch zwei mächtige, fast senkrechte Schieferwände gebildet,
zwischen die der Fluß eingezwängt ist.
Es ist, wie es scheint, der einzige Eingang in das Land der Butáng und
Kuskút. Die Japanesen hatten hier ein
hitziges Treffen mit den Eingeborenen, die sich, durch Flasen und Wald gedeckt,
verzweifelt vertheidigten, jedoch den Feind im Vordringen nicht aufhalten
konnten. Nördlich von diesem Thor ist
das Land vollkommen wild und rauh, womöglich noch wilder als das Gebiet der
Saprêk; südlich sind die Berge niedriger und sanfter, die Thäler breiter und
hier und da bebaut. Die erste
chinesische Colonie- wie die ganz neuen Gebäude bezeugen, erst unlängst
gegründet- befindet sich eine Stunde Weges südlich von Steinthor.
Nach Anwendung einigen geeigneten Mittel verließ mich das
Fieber schnell, und bald war ich stark genug um Long-kiau zu verlassen- zur
vollen Zufriedenheit der Mandarinen.
Auf Formosa
Ethnographische
Wanderungen von Paul Ibis
IV.
Die
Eingeborenen von Süd-Formosa: A. Die Stämme, Sabari, Whang-tschut, Tuasók,
Bakurút, Liongrúan, Kantáng, und Quajan: Aeußeres, Kleidung, Zierrath, Wohnung,
Geräthe, und Waffen, Nahrung, und Getränke, Beschäftigung und Handel. Geistige Entwicklung, Leben Sitten, und
Gebräuche. B. Die Saprêk und Pilám.
In Süd
Formosa kam ich im Ganzen mit Eingeborenen aus neun Stämmen in Berührung; es
waren die Sabari (etwa 200 Mann stark) in 24°4‘ ndl. Br. Und 120°48‘ östl. L.;
einige Meilen nördlich von diesen die Whang-tschut und in ihrer Nähe die
Kantáng; nordöstlich von den Sabari die Tuasók (gegen 100 Mann); im Osten die
Bakurút (gegen 150 Mann); im Süden die Liongrúan; dann zwischen Hong-kong und
Long-kiau die Saprêk (etwa 150 Mann) und endlich die nördlichsten von allen,
die Pilám, ein großer Stamm, dessen Territorium bis an die Ostküste reicht.
Außer diesen genannten giebt es noch eine große Anzahl anderer Stämme, deren Namen und Lage mir nur teilweise bekannt geworden. Die Gesammt